„Der Kollege hat recht, aber er hätte es nicht so sagen dürfen…“

Bill Posters, der Schutzpatron der Plakatierer, entzieht sich seit Jahren dem Zugriff der Justiz. Seine Unterstützer behaupten "Bill Posters is innocent!"

Bill Posters, der Schutzpatron der Plakatierer, entzieht sich seit Jahren dem Zugriff der Justiz. Seine Unterstützer dagegen behaupten: „Bill Posters is innocent!“

Die Stadt Trier möchte künftig bei den Genehmigungen für Veranstaltungswerbung im öffentlichen Raum, also z. B. Plakattafeln an Laternenmasten und Spanntransparenten an Brückengeländern „restriktiver vorgehen“, meldet unter anderem 16vor.de. Böser Wille sei das nicht, man könne nicht anders, weil man bereits 2001, also unter einer personell völlig anders besetzten Stadtverwaltung, einen Vertrag mit einem externen Anbieter abgeschlossen habe. Dieser, und nur dieser, darf Werbeflächen im öffentlichen Verkehrsraum auf eigene Rechnung vermieten. Wenn die Stadt nun jedem dahergelaufenen Veranstalter von Konzerten, Ausstellungen, Messen etc. erlaubt, gegen einen bescheidenen Verwaltungs-Obulus Plakate zu kleben, entsteht eine Konkurrenzsituation und somit ein Vertragsbruch. Soweit die offizielle Begründung des Wirtschafts- und Kulturdezernenten, der damit sinngemäß gesagt hat: „Geht nit anders, Alta, is Schröer“. Dumm nur, dass man aus der selben Ecke immer wieder hört, dass die Stadt sehr gerne sehr viel für die Kreativwirtschaft tut.

Das „restriktive Vorgehen“ in Sachen Werbe-Erlaubnis ist sehr ärgerlich für Leute wie Ingo Popp, die Design-Messen-Veranstalter und überhaupt die vielzitierte „freie Szene“. Ein Aufreger-Thema. Beim Volksfreund und auf 16vor glühen die Kommentarspalten fast so heiß, als ginge es um Röcke und Rollrasen.

Gleichwohl: diese Nummer ist nicht neu. Bereits vor etwa vier Jahren spielte sich zwischen mir als damaligem Mitbetreiber einer Kleinkunstbühne mit grob geschätzt drei bis vier kulturellen Veranstaltungen pro Woche und der Stadtverwaltung Trier folgendes ab:

Wir wollten sehr gerne mehr Werbung machen. Der Laden lief einigermaßen, hatte von gastronomischen Highlights bis erstklassigen Bühnenprogrammen aller Genres viel zu bieten, allerdings musste diese Information auch irgendwie an die Leute, denn die sollten ja kommen. Nun hängt ganz Trier sehr oft voll mit Werbung – unter anderem die deutlich sichtbaren Brücken über den Ein- und Ausfallstraßen sind beliebte Werbeträger für Veranstaltungen aller Art. Hier setzte nun die Idee eines uns freundschaftlich (und ja, ich gebe es zu, auch geschäftlich) verbundenen Trierer Musikalienhändlers an. Er habe, so sagte er uns, drei PVC-Transparente anfertigen lassen. Links und rechts auf diesen Spannbändern befände sich Werbung für sein Geschäft. Die Mitte stünde zu unserer freien Verfügung. Unter zwei Bedingungen, erstens: Die jeweils beworbenen Veranstaltungen müssten etwas mit Musik zu tun haben, damit die inhaltliche Verknüpfung zu seiner Werbung gegeben sei. Zweitens: Er kümmere sich gerne um das Bedrucken der Transparente mit der jeweiligen Information, wir müssten allerdings den Vertrag mit der Stadt machen und das Auf- und Abhängen übernehmen. Das schien uns ein guter Deal zu sein.

Wir recherchierten also: Man kann sich bei der Stadt Trier praktischerweise ein Formular herunterladen, um die so genannte „Sondernutzungserlaubnis Spannband“ gleich per Fax zu beantragen. Auf der Website dazu heißt es u.a. „Plakat- und Transparentwerbung werden zugelassen für Kultur- und Sportveranstaltungen.“ Sehr zuvorkommend, fanden wir, und ließen die drei Spannbänder mit Werbung bedrucken, unter anderem für ein klassisches Konzert eines gemeinnützigen Vereins aus Konz, der alljährlich junge Pianisten aus der ganzen Welt zu einer Konzertreihe einlädt, und für die Aufführungen eines hervorragenden Impro-Theater-Ensembles aus Heidelberg, das einmal im Monat, mit Klavierbegleitung, bei uns auftrat. Ich füllte das Formular aus, kreuzte unsere Wunschplatzierungen an, faxte es weg und wartete ab.

Die Antwort aus dem Bauverwaltungsamt kam quasi faxwendend: Abgelehnt. Also beging ich einen schweren, aber sicher verzeihlichen Fehler: Ich rief dort an. Der zuständige Mitarbeiter, er war mäßig freundlich, was ich aber nach über zehnjährigem Aufenthalt in Trier normalerweise als Lokalkolorit verbuche, sagte folgenden schönen Satz: „Ich kann das nicht genehmigen, denn Sie machen keine Kultur.“ Das wunderte mich, denn nicht nur ich neigte dazu, das anders zu sehen: Unser Publikum nahm ständig das K-Wort in den Mund, unsere Veranstaltungshinweise und -kritiken fanden sich im Volksfreund meistens im „Kultur“-Teil, viele meiner Kontakte knüpfte ich einmal im Jahr auf der Freiburger „Kulturbörse“. Wir handelten in jedem Fall nicht mit Schnürsenkeln. Ich fragte nach.

„Sie haben eine Theke. Sie sind eine Gastronomie im Sinne der Gaststättenverordnung. Und als solche machen Sie keine Kultur.“ – „Haben Sie sich mal durchgelesen, was auf den Transparenten stehen soll?“ – „Nein, das ist auch vollkommen egal. Sie machen keine Kultur.“ – „Weil ich Bier verkaufe?“ – „Ja.“

Es wurmte mich, ich gebe es zu. Einen letzten Versuch gestattete ich mir dennoch: „Im Theaterfoyer steht eine Theke, da kann man in der Pause Bier und Sprudel kaufen. Würden Sie Gerhard Weber im Umkehrschluss als Gastronomen bezeichnen?“ – „So dürfen Sie das nicht sehen. Ich kann das nicht genehmigen.“

Das eigentlich Skurrile an der Situation wurde mir erst später klar: ich hatte mit einem Mitarbeiter des Bauverwaltungsamtes (dem ich auf gar keinen Fall irgendwelche Kompetenzen absprechen will!) fünf Minuten lang über den Kulturbegriff diskutiert. Und war ebensowenig vorangekommen, als wenn ich mit dem damaligen (vielleicht auch dem jetzigen) Kulturdezernenten über das Bundesfernstraßengesetz diskutiert hätte. Einen guten Tipp hatte mein Ansprechpartner dennoch: Die Impro-Schauspieler, die seien ja Künstler. Wenn DIE jetzt, am Besten von ihrer Heidelberger Faxnummer aus, den Antrag ausfüllen würden, dann stünde zumindest dafür einer Genehmigung wohl recht wenig im Wege. Wie’s der Zufall wollte, hatten diese echten Künstler bei ihrem letzten Gastspiel schon einen ähnlichen Vorschlag gemacht, „in Heidelberg ist das Standard, dass man da an Straßenlaternen und so werben kann.“ Ich schickte den Künstlern also das Formular per Mail. Sie füllten es aus und faxten es weg. nach ein paar Tagen kam es zurück, mit dem Vermerk „Abgelehnt“.

Ich bemühte mich um einen Termin beim Kulturbüro, den ich auch bekam – das ungute Gefühl, vielleicht doch den falschen Ansprechpartner am Telefon gehabt zu haben, trieb mich dazu. In der Zwischenzeit hatten wir uns zwar für die drei Transparente private Aushangflächen organisiert, aber das konnte auch keine Dauerlösung sein. Zumal genau in diesem Zeitraum an unseren „Wunschbrücken“ Transparente hingen, die unter anderem für eine Fitness-Studio-Eröffnung in Bitburg mit „Special Guest Detlef D! Soost (Popstars)“ warben, gesponsert von einer örtlichen Brauerei. Es handelte sich dabei aller Wahrscheinlichkeit nach um Kultur, aber sicher war ich mir nicht. Bei uns war Herr Soost jedenfalls noch nie aufgetreten und hatte es wohl auch nicht vor.

Das Gespräch mit dem Kulturbüro, nicht  nur zu diesem Thema, verlief freundlich und konstruktiv. Dann fiel, zu meiner Schilderung des Telefongesprächs mit dem Bauverwaltungsamt, der nächste schöne Satz: „Der Kollege hat vollkommen recht. Aber er hätte es nicht so sagen dürfen.“

Neben einigen anderen guten Ratschlägen wurde mir nahegelegt, einen eingetragenen Verein zu gründen – dann sei das mit solchen Genehmigungen kein Problem. Ich sagte, dass ich das nicht vorhätte. Ich wollte eine Kleinkunstbühne mit angeschlossener Cocktailbar betreiben, die sowohl an der Theke als auch auf der Bühne ein kulturell hochwertiges Programm auf die Beine stellt. Und ich wollte Leuten davon erzählen. Warum ich dafür einen Verein bräuchte? – „Dann würde es gehen.“

Ich möchte nicht jammern. Dass es den Laden nicht mehr gibt, hat ganz andere Gründe als drei Transparente, die nicht hängen durften. Wie das in Trier mit der Kultur, und vor allem der Kultur als Wirtschaftsfaktor, so funktioniert bzw. funktionieren soll, müsste mir aber trotzdem nochmal irgendwann jemand plausibel auseinandersetzen. Nach Möglichkeit bitte niemand von der Bauverwaltung.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Kunst, Musik, Politik, Trier

Eine Antwort zu “„Der Kollege hat recht, aber er hätte es nicht so sagen dürfen…“

  1. Ja so ist das in Deutschland. Alles ist erlaubt – aber doch nicht 😛

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