Jeder Tritt ein Inuit

Manchmal kommen sie wieder. So wie routinemäßig in jedem Sommerloch in mindestens einem deutschen Baumarkt eine Spinne aus der Yuccapalme krabbelt, so wie es allmählich mal wieder Zeit für einen verrückten Killer mit Haken statt Händen oder für Spermaspuren in Dönersoße wäre, so taucht auch immer mal wieder die völlig wahnwitzige Behauptung auf, dass „die Eskimos“ 90 Wörter für Schnee hätten.

Diesmal also: Das deutsche Handwerk. Deutschland kenne über 130 Begriffe für das Handwerk, ebenso wie der Eskimo an sich 90 Wörter für Schnee habe, so klärt eine Plakatkampagne des zuständigen Handwerker-Dachverbands den handwerklich interessierten Bürger auf. Ich habe das Plakat vor ein paar Tagen in einer Berliner U-Bahn-Station gesehen, mangels Geistesgegenwart und Speicherplatz muss hier aber ein Webfoto reichen. Allerdings hängt es auch in Trier, von einer bundesweiten Kampagne ist also auszugehen.

Googelt man „Eskimo Schnee Handwerk„, kommt man sogar dahinter, wie sich das unkritische Kolportieren längst widerlegter Legenden nennt: Brand Management. Unter diesem Titel wird stolz eine pdf-Datei des Plakatmotivs präsentiert (.pdf), es scheint sich also um eine besonders gelungene Form dieser auf der Site nirgends genauer definierten Tätigkeit zu handeln. („Was sind Sie von Beruf?“ – Brand Manager. Und Sie?“ – „Ich bin bei der Feuerwehr.“)

Nun verstehe ich vergleichsweise wenig von Brand Management, allerdings hätte ich bei der Eskimo-Wortschatz-Sache wirklich gedacht, dass es damit allmählich vorbei ist. Bereits Mitte der Achtziger entlarvte die amerikanische Anthropologin Laura Martin in einem Artikel für American Anthropologist den 90-Worte-Mythos als haltlos, weil die Quelle dazu fehlt. In den frühen Neunzigern fand die Entkräftung der Legende dann ihren Einzug in den linguistischen Literaturkanon, indem Geoffrey K. Pullum den bemerkenswerten Aufsatz „The Great Eskimo Vocabulary Hoax“ (.pdf), basierend auf Martins Erkenntnissen vorlegte. Ebenso treffend wie fundiert nachzulesen ist diese Entwicklung übrigens im Bremer Sprachblog.

Schon Pullums Einleitung rockt:

„Once the public has decided to accept something as an interesting fact, it becomes almost impossible to get the acceptance rescinded. The persistent interestingness and symbolic usefulness overrides any lack of factuality.“

Und bereits in den frühen Nullern wurde das Thema in Linguistikseminaren an einer deutschen Provinzuni, u.a. auf Basis des vorgenannten Aufsatzes für erledigt erklärt – ich war dabei. Und man muss nicht einmal Linguist sein, noch nicht einmal interessierter Laie, um dem Legendenteufel im Falle des Eskimo-Schnee-Unsinns auf die Spur zu kommen: Google verweist, noch vor der Handwerks-Seite, auf den entsprechenden Wikipedia-Artikel, der sogar die Hintergründe schnell und korrekt wiedergibt – 1911 hatte der deutsche Linguist Franz Boas den Mythos nach bestem Wissen und Gewissen in die Welt gesetzt, die so genannte Sapir-Whorf-Hypothese hatte sich 1940 darauf gestützt – und wie man mittlerweile weiß, stimmt das mit den 90 Wörtern einfach nicht. Der Grund dafür, die so genannte Polysynthese, ist etwas linguistisch-speziell, aber recht einfach und schnell erklärt, auch hier liefert Wikipedia schon ein knackiges Zitat von taz-Kolumnistin Kathrin Passig:

„Eskimos haben, wie einfallslose Mitmenschen an dieser Stelle gern in die Konversation einwerfen, unzählige Wörter für Schnee. Vermutlich soll damit auf die abgestumpfte Naturwahrnehmung des Stadtbewohners hingewiesen werden. Ich habe keine Geduld mit den Nachbetern dieser banalen Behauptung. Die Eskimosprachen sind polysynthetisch, was bedeutet, dass selbst selten gebrauchte Wendungen wie ‚Schnee, der auf ein rotes T-Shirt fällt‘ in einem einzigen Wort zusammengefasst werden. Es ist so ermüdend, das immer wieder erklären zu müssen.“

Wer als Werbetexter den Anspruch hat, seinen Claim nicht innerhalb von 30 Sekunden von einem Langzeitstudenten ausgehebelt zu kriegen, hätte hier also durchaus die Möglichkeit der Absicherung gehabt. Denn wenn der Eskimo gar keine 90 Wörter für Schnee HAT, wer sagt mir dann, dass der andere Teil der Gleichung stimmt? Vielleicht hat das Deutsche ja nur 17 Wörter für Handwerk? Werbung lügt gelegentlich, aber doch hoffentlich etwas subtiler…?

In diesem Fall kann man sogar vollkommen von der Tatsache absehen, dass „Eskimo“ nicht unbedingt der schmeichelhafteste Begriff für das Volk ist, das sich selbst „Inuit“ nennt (als Sammelbegriff bezeichnet es auch noch die Yupik). Eskimo bedeutet aller Wahrscheinlichkeit nach „Schneeschuhmacher“ und entstammt der Sprache der Cree , die ihre Feinde im Norden so nannten.

Als Karl Moik seinerzeit im gebührenfinanzierten Deutschen Volks-Fernsehen Patrick Lindner anpöbelte, dieser sei wohl zu lange „bei die Spaghettifresser “ gewesen, als Gloria von Thurn und Taxis vor ein paar Jahren in einer Talkshow behauptete, aus sicherer Quelle zu wissen, dass „der Schwarze“ gerne „schnackselt“ (das Deutsche hat übrigens unglaublich viele Wörter für das, was nicht nur der Schwarze gerne tut), war allseits die Freude groß. Wer hat nun also 130 Wörter fürs Handwerk – der Deutsche oder der Kartoffelkopf, der Boche, Harry the Hun, oder gar der Fritz?

All das wirft in mir viele Fragen auf, unter anderem: wieviele deutsche Wörter gibt es denn jetzt wirklich fürs Ficken? Aber ich setze manchmal Prioritäten. Also: Welche Qualitäten und Qualifikationen muss ein erfolgreicher Brand Manager eigentlich mitbringen? Linguistische Fachliteratur kennen und auf dem neusten Forschungsstand sein? Sicher zu viel verlangt. Immer politisch korrekt sein? Kaum. Gute Texte provozieren nun mal, und das ist, um es mit der Berliner Schwuchtel Klaus Wowereit zu sagen, auch gut so.

Aber mal die drei Kernwörter der eigenen Superkampagne durch google jagen? Sischer dat. Dann wäre uns übrigens vielleicht auch vor ein paar Jahren die unselige „Du bist Deutschland“-Kampagne erspart geblieben. Oder vielleicht gerade nicht…

In der Zwischenzeit sage ich: Das „Deutsche“ kennt unglaublich viele Wörter für „Bullshit“. Eins davon ist „Brand Management“.

***

Sometimes they return, zombie style. Just as there are spiders crawling out of Yucca trees every summer in some German hardware store, just as it’s about time for a mad killer with hooks for hands to re-enter the scene, please say „Hello again“ to the ludicrous claim that „the Eskimos“ have 90 different words for snow.

Guilty this time: The German Crafts. The German language knows 130 words for the crafts, just as there are 90 words for snow in Eskimo-ese. That’s the essence of a poster campaign by the Federal Association of the German Crafts. I’ve seen the poster in a Berlin subway station the other day, but for lack of memory on my phone a web-foto will have to do.

If you google „Eskimo Schnee Handwerk“, you even learn the correct term for uncritically cut-and-pasting out-of-date theories: Brand Management. The poster is yours to download (.pdf) under this header, proudly presented by some fancy, and probably expensive, ad agency. It seems fair to think, then, that the poster is perceived as a very successful case of „Brand Management“, whatever that may be exactly.

Now, Brand Management is not my line of business, but I had really thought the Eskimo-Vocabulary-Nonsense was a thing of the past. In the mid-eighties, anthropologist Laura Martin traced back the myth in an article for American Anthropologist. In the early nineties, that’s 20 years ago, linguist Geoffrey K. Pullum destroyed the legend for good with his remarkable article aptly named „The Great Eskimo Vocabulary Hoax“ (.pdf), in which he backed up Martin and also took a humorous look at people who are ever so uncritically telling and retelling the fable of the 90 words.

„Once the public has decided to accept something as an interesting fact, it becomes almost impossible to get the acceptance rescinded. The persistent interestingness and symbolic usefulness overrides any lack of factuality.“

And in the early zeros, the topic was officially declared done with in linguistics classes at a university in the backwoods of Germany – I was there, so I know. Now, you don’t have to have an MA in Linguistics (as some of us do), you don’t even have to be overly interested in linguistics (as some of us are), to find the red herring in just a few seconds: Google gives you the respective article on Wikipedia, and, as it sometimes happens, the background information on the topic is correct here. German linguist Franz Boas had driven forward the Eskimo-myth in 1911 – he erred, but that is human. By now, we know for a fact that the 90 words aren’t really 90 words. The specific reason for that is a bit linguistechnical, but the principle, called polysynthesis, is quite easy to grasp. And Wikpedia also has a great quote by German author Kathrin Passig to explain the fact.

Now, any copy writer (or „Brand Manager“) who does not want his campaign to be shattered within seconds would have had the chance to double check easily. Because, you see, if the Eskimo doesn’t really have 90 words for snow, who tells me that the other half of the equation is correct? Maybe there are only 17 words for „the crafts“ in German. I haven’t counted them – but I trust that advertising people lie a little more subtly, if at all.

All this, by the way, has nothing to do with the fact that Eskimo isn’t the most endearing term for the people who call themselves Inuit. Eskimo means (most probably) „snow shoe netter“ and hails from the language of the Cree, who used the term to refer to their enemies up North.

When Karl Moik asked Patrick Lindner on German public TV why he had been „with them Spaghettis for so long“, when Gloria von Thurn und Taxis claimed on a talk show that it was common knowledge that „blacks liked to fuck“, everybody screamed, and not exactly with joy. (By the way, she used the rather quaint Bavarian verb „schnackseln“ – apparently, the German language has a copious amount of words for this activity that not only black people like to indulge in every once in a while). So, who has 130 words for the crafts – the Germans? Or the Potatoheads, the Boches, Harry the Hun or maybe the Fritz?

All this raises a lot of questions in my little head – „how many German words are there for the act of fucking?“ is just one of them. But sometimes, I like my priorities, so here goes the important one: Which are the qualities and qualifications the successful Brand Manager will possess? Will they have to be on the ball in current linguistics, know the literature and all discussions going on? I don’t think so, that’s a bit much. Will they be politically correct at all times? No. Good texts must be written in a provocative way, and that, to quote Berlin’s faggot mayor Klaus Wowereit, is a good thing. But: Will they be able to ask google a simple question, consisting of the two keywords of their campaign, before plastering walls in the whole country with a factual mistake? You betcha.

In the meantime, I say: German language has incredibly many words for „bullshit“. One of them being „Brand Management“.

This blog post is dedicated to Professsors Michael Stubbs and Chris Trott, one knowing a lot about language, the other about the North. Great teachers, both of them.

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