Gedicht der Woche #5: Talent

Talent.

Talent.

Ich habe verschiedene Eigenarten, mehr oder weniger ausgeprägt und mehr oder weniger auffällig. Eine davon ist, dass ich auf relativ hochwertiges Schreibmaterial stehe und mir daher zum Anfang eines jeden Jahres einen original Moleskine-Kalender mit reichlich Notizbuchanteil leiste. Vergleichsweise teure Kugelschreiber bzw. Druckbleistifte kaufe ich mir dann auch immer mal wieder, verliere sie aber mit schöner Regelmäßigkeit. In diesen Notizbuchkalender gehören natürlich Notizen und Termine, aber zu jedem Jahresanfang auch ein Stück Lyrik, denn ich mag es, zumindest ab und zu, ohne darüber hinaus gehenden Zweck von Hand zu schreiben. Und auch, auf ein Jahr vorauszuschauen und ihm wenigstens den Versuch einer Richtung zu geben, indem ich ein Stück Text, das mir gut gefällt, abschreibe. Wir haben alle unsere Macken.

Neulich stolperte ich beim Suchen von irgendwas (einer weiteren Beschäftigung, der ich häufig, aber nicht sehr gerne nachgehe) über meinen Kalender von 2009. Was Kalender angeht, ein guter Jahrgang (das Jahr dazu war bestenfalls „interessant“): ein großer Moleskine mit reichlich Kulturterminen, Kritzeleien, Notizen über Künstlergagen, Ideen und seitenweise Mitschriften von Basketballspielen. Wer auch immer irgendwann meinen Nachlass verwaltet, er wird Spaß mit meinen Moleskines haben, wenn er sie findet – ich suche meistens.

Jedenfalls. Im 2009er steht auf der ersten Seite, in meiner Handschrift, abgeschrieben mit einem wahrscheinlich teuren Druckbleistift, mit dem mein Nachlassverwalter keinen Spaß mehr haben wird, das heutige Gedicht der Woche von Johannes Kühn.

Talent

Schmiedefeuer anzufachen und das Eisen heiß zu schmieden,
Pflastersteine in die Straße klopfen,
in den Gruben Kohle schürfen,
dazu hab ich kein Talent noch Lust.

Abends mit den alten Beinen,
vorwärts gehend und rückwärts blickend,
einen Mann zu finden, der mich tadelt,
gehe ich aus, brauche, aufgeregt zu sein, einen Vorwurf.
Doch man lässt mich Narren, lässt mich gehen.

Lichter, weit hinfliegende, eröffnen ihre Bahnen.
Keine Kriegstat hab ich zu beklagen,
hör die Mundharmonika Weisen spielen
für den kleinen Wanderer und kleinen Herrn.

Talent, den Mond zu seh’n, hab ich tausendweis.

– Johannes Kühn.

Ich kenne nicht viele von Kühns Werken, aber was ich kenne, gefällt mir sehr, und seine Biographie fasziniert mich. Johannes Kühn ist ein Heimatdichter aus dem Saarland, man wäre aber schlecht beraten, ihn als provinziell zu verkennen – und es haben mich immer schon diejenigen Künstler am meisten fasziniert, denen bzw. deren Werk man ihre Herkunft anmerkt, die aber dabei das mitbringen, was man im Spitzensport „Internationale Härte“ nennt. Leute, die ihre Heimat auf die Landkarte bringen, ohne auf ewig in ihr gefangen zu sein, die Dialekt und Hochdeutsch können. Das geht übrigens auch, wenn man sich rein räumlich nicht allzuweit von ihr entfernt – Weltläufigkeit muss nicht immer wörtlich zu verstehen sein. Dass Kühn nicht allzuoft und nicht allzuweit aus seinem Heimatort Hasborn herauskommt, tut der Qualität seiner Verse keinen Abbruch. Im Hinblick auf diese bemerkenswerte Beziehung von Provinzialität und Internationalität schrieb Oliver Ruf 2004 zu Kühns 70. Geburtstag ein sehr lesenswertes Porträt auf literaturkritik.de: „Unaufhaltsam steinschwer, grasleicht“.

Ich möchte nicht, dass es wie namedropping klingt, aber Herr Ruf und ich haben in wirklich grauester Vorzeit einmal für das selbe online-Magazin in der Provinz getextet, bevor er mit klugen Veröffentlichungen über Literatur Karriere machte. Auch deswegen finde ich die heutige Auswahl schön.

Es gibt außerdem eine persönliche Beziehung zwischen Kühn und meiner Familie, die zu erklären diesen Rahmen sprengen würde. Allerdings habe ich ihn nie persönlich kennen gelernt. Ich besitze aber ein Original-Gemälde von ihm, das ich, ähnlich wie meinen Kalender von 2010, mal suchen müsste und dann aufhängen könnte.

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Eingeordnet unter Kunst, Weekly Poem, Zwischenmenschlich

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