Die zwei Gesichter der GIESSEN 46ers

In der 2. Hälfte überwiegend ungläubig - Henrik Rödl.

In der 2. Hälfte überwiegend ungläubig - Henrik Rödl.
Fotos: Heiko Schmitz.

Es hatte vor dieser Partie eine klare Ansage zur Ausgangssituation gegeben: Beide Teams müssen gewinnen, um den jeweils erwünschten Anschluss zu halten. Die TBB möchte noch auf den soeben bereitgestellten und demnächst abfahrenden Playoff-Zug aufspringen. Die LTi GIESSEN 46ers möchten nach Möglichkeit ihren Status als Liga-Dino behalten und nicht in der Pro A von vorne anfangen müssen. Zu erwarten war demnach eine Schlacht mit Messer zwischen den Zähnen, Haudegen wie Elvir Ovcina und Dragan Dojcin, die sich keinen Zentimeter schenken, ein Michael Jordan, der wenigstens versucht, Dru Joyce auf dem Bierdeckel auszutanzen. Was dann um 20:00 Uhr eintrat, war zumindest auf Gießener Seite das genaue Gegenteil: Die TBB dominierte die abstiegsbedrohten Gastgeber von der Lahn zu Beginn nach Belieben.

Samy Picard eröffnete mit einem sauber herausgespielten Dreier aus der Ecke, Maik Zirbes packte mit Foul direkt einen drauf, verlegte aber den Bonusfreiwurf: 0:5. Die TBB spielte offensiv variabel, stand unter dem eigenen Korb extrem kompakt und gestattete der Gießener Offensive so gut wie gar nichts – die versuchte aber auch kaum etwas. Zur ersten Viertelpause leuchtete ein Punktestand von 4:13 von der Tafel – das hatte sich nicht nur der Gießener Fanblock anders vorgestellt. In diesem ersten Durchgang fand nur ein Team seine Spieltagsprognose wieder: Trier untermauerte hier deutlich seine Playoff-Ambitionen, Gießen spielte wie ein sicherer Absteiger.

Das zweite Viertel begann mit einer guten Nachricht: Philip Zwiener kam nach vier Wochen Verletzungspause (Bänderriss im Auswärtsspiel gegen Bayreuth) zurück aufs Parkett, hatte einige schöne Aktionen mit gutem und vor allem furchtlosen Drang zum Korb, ließ die nötigen Abschlüsse aber noch vermissen. Immerhin war er von der überforderten Gießener Verteidigung nur durch Fouls zu stoppen und markierte im zweiten Durchgang 5 von 6 Freiwürfen – ein schon jetzt gelungenes Comeback.

Auch sonst spielten vor der Halbzeit nur die Gäste: Zachery Peacock kommt gegen Maik Zirbes zum 8:17 durch, Oskar Faßler antwortet nur Sekunden später mit einem rotzfrechen Dreier ins Gesicht von Elvir Ovcina: 8:20. Barry Stewart und Dru Joyce treffen ebenfalls genau zum richtigen Zeitpunkt von jenseits der 6,75 Meter. Und Henrik Rödl nimmt beim Stand von 12:31 eine Auszeit, nicht um sein Team bei Laune, sondern um die Konzentration zu halten. Die Laune der Osthalle war auf dem Tiefpunkt, nur im Trierer Block war die Stimmung prächtig. Der Gießener Fanblock skandierte im Wechsel „Wir wollen Euch kämpfen sehen“, „Oh wie seid Ihr lächerlich“ und „Ihr macht unseren Club kaputt!“ Ein ganz bitteres zweites Viertel, auch für den einigermaßen neutralen Beobachter. Gießen warf Freiwürfe weg und Bälle in Trierer Arme, Trier vollstreckte im Gegenzug eiskalt. Den Schlusspunkt zur Halbzeit setzte Dru Joyce mit der Pausensirene – es ist der „Buzzerbeater“, den er in dieser Saison schon so oft gezeigt hat. Es steht 17:38 und die Sporthalle Ost pfeift das eigene Team aus.

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Jedoch. Wer Verlässlichkeit will, muss zum Fußball gehen. Unser aller Lieblingssport, er gehorcht anderen Regeln. Und die besagen unter anderem: Auch so ein Spiel kann man noch drehen. Die LTi GIESSEN 46ers, sie kamen mit einer bemerkenswerten Gewaltleistung zurück aus der Kabine, zeigten schon in der Körpersprache ein völlig anderes Bild als in den vorangeangenen 20 Minuten. Zachery Peacock kämpfte sich zweimal hintereinander unter dem Trierer Brett zum Korberfolg, Michael-Hakim Jordan trifft aus der Mitteldistanz zum 23:39. Vor allem: Die Gastgeber verteidigten jetzt knallhart, Trier kam nach dem 23:41 durch Dru Joyce nicht mehr zu Abschlüssen. Auch eine Auszeit von Henrik Rödl half nicht, Trier musste minutenlang tatenlos zusehen, wie Gießen einen kollektiven 12:0-Lauf aufs Parkett legte, der erst durch zwei Dreier von Zwiener (34:44) und Stewart (34:47) gestoppt werden konnte – dazwischen hatte Gießen es geschafft, den Rückstand einstellig zu machen, und auch zur letzten Viertelpause stand es „nur noch“ 36:47. Handlungsbedarf für Henrik Rödl.

Gießen blieb weiter am Drücker, obwohl Trier alles versuchte. Das Gießener Kollektiv war in dieser zweiten Halbzeit einfach stärker – erstaunlich. Trier behielt dennoch mit Mühe die Oberhand, geschuldet war das vor allem Dru Joyce und Barry Stewart, der sowohl in der Defense starke Nerven und schnelle Finger bewies, als auch offensiv seine Dreier traf – vier von vier. Gießen kam noch einmal auf 53:57 heran, John Bynum erzielt den letzten Feldkorb für Trier zum 53:59 – eminent wichtig, denn nun ging das Spiel knapp eine Minute vor Schluss an die Freiwurflinie, wo die TBB allerdings ebenfalls die Nerven behielt. Zum guten Schluss siegt Trier bemüht, aber verdient mit 63:53 und hält sich damit im Kampf um die Playoffs am Leben. Gießen muss weiter zittern, hat aber heute eindrucksvoll bewiesen, dass der Wille zum Überleben noch vorhanden ist.

Die TBB fährt morgen früh direkt von Gießen nach Braunschweig, wo es am Sonntag gegen die New Yorker Phantoms geht – aktuell Tabellensiebter nach heutiger Niederlage gegen EnBW Ludwigsburg.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Alles, Sport, Trier

3 Antworten zu “Die zwei Gesichter der GIESSEN 46ers

  1. Ingo Boor

    Kompliement für den unterhaltsamen Spielbericht.
    Es macht Freude deine Zeilen zu lesen.

    Weiter so!

  2. Danke schön. Der nächste kommt ja schon morgen… 😉

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