Warum ich Bamberg hasste

Ich wurde BBL-sozialisiert, als in Trier Joe Whelton und in Bamberg Dirk Bauermann trainierte. Gordie Herbert war schon in Frankfurt, ging aber nach der Frankfurter Meistersaison 2004 – meiner ersten als Trier-Fan. Zur historischen Einordnung: Es gab noch Bayer Leverkusen und die DJK Würzburg. Für Trier spielten BJ McKie, ein Egozocker vor dem Herrn, Mike Lenzly, ein junger Point Guard mit Killerinstinkt, Sandis Valters, der lettische Scharfschütze (übrigens mein Vormieter), Jarrett Stephens, die Scoring-Maschine mit dem dicken Hintern und Jim Havrilla, der Center mit dem Nervenproblem – ein geiles Team.

Bamberg war zu der Zeit und über die nächsten Jahre ligaweit verhasst, und das hatte mehrere Gründe: Dirk Bauermann wirkte, wann immer man ihn wahrnahm, arrogant und selbstherrlich – der Beiname „Der König“ schien nicht von ungefähr zu kommen. Er erinnerte mich immer an die Asterix-Figur Nullnullsix aus „Die Odyssee“. Es war das Paradoxon des Fantums, auch bekannt aus der Champions League im Fußball: Man hatte Respekt vor Dirk Bauermann als Nationaltrainer, man hasste König Dirk, Vereinscoach bei GHP Bamberg. Bambergs Bauermänner spielten damals knochenharte Defense, hatten mit Steffen Hamann, Uvis Helmanis und Chris „Ellenbogen-Ense“ Ensminger Spieler im Team, die in so ziemlich jeder Auswärtshalle in Deutschland bei der Team-Präsentation ausgepfiffen wurden und beherrschten die Technik des „versteckten Foulens“ par excellence. Bauermann selbst stand in gegnerischen Fankreisen unter Generalverdacht, seine Spieler vor jedem Spiel bis hart an die Grenze des sportlich zumutbaren „scharf zu machen“. Dummerweise waren sie mit dieser Spielweise erfolgreich. Und sie verkauften sich gut: Bamberg als Basketball-Stadt trägt den Beinamen „Freak City“, weil der Sport hier schon immer ein fester Teil der Stadtkultur war – der Pfarrer lese von der Kanzel Spieltagsergebnisse vor, sagte man. Und daran änderte auch der König nichts, im Gegenteil, er befeuerte den Kult nur noch mehr.

Die Finalrunde 2004 ging über fünf Spiele zwischen Bamberg und Frankfurt. Damals übertrug noch das gute alte DSF und ich habe mir jedes einzelne dieser Spiele mit belgischem Bier von der Luxemburger Tankstelle auf der berühmten „Porta-Couch“ angesehen. Die Serie war geprägt von gesunder Härte und wäre beinahe von ungesunder Härte überschattet worden, als Jason Sasser (Bamberg) Robert Garrett (damals noch Frankfurt) beim Korbleger sehr rustikal abräumte und der viel zu lange am Boden liegen blieb. Es war klar, dass die Mannschaft die Serie gewinnen würde, die besser mit den nach dieser Szene freigesetzten Emotionen klarkommen würde. Garrett war nicht schwer verletzt, die Meisterschaft ging nach Frankfurt, die Rede war vom „Bauermannschen Brutalo-Basketball“ – gerechtfertigt oder nicht, so war das Image.

Im Jahr darauf habe ich den König und sein Team zum ersten Mal live in der Arena Trier gesehen. Es war die zweite Saison unter Whelton, die „Bandscheiben-Saison“ für BJ McKie. Schon als Bauermann, ganz in Schwarz gekleidet, die Halle betrat, breitete sich auf den Rängen ein nervöses Knistern aus. Später sollte die Halle kochen. Bamberg prügelte einem überforderten Trierer Team die Scheiße aus den Knochen, Uvis Helmanis stellte BJ McKie (der ja selbst kein Kind von Traurigkeit war, aber nun mal für Trier spielte – Badesalz-Fans kennen den Namen Anthony Sabini…) ein Bein, Bauermann tanzte provozierend an der Seitenlinie umher und spielte damals schon das beliebte Spiel „Wann die Auszeit zu Ende ist, bestimme ich“. Zur anschließenden Pressekonferenz (damals noch öffentlich auf dem Parkett, heute aus gutem Grund nicht mehr) saß fast die komplette VIP-Tribüne voll mit aufgebrachten Zuschauern, die Bauermann so ausdauernd auspfiffen, dass er nicht zu verstehen war. Er sagte dann auch nach einem Versuch nichts mehr – und war damit natürlich moralisch im Recht, der clevere Hund. Alles in allem keine schlechte Show, wenn man emotionsfrei in der Lage war, sie auch als solche zu verstehen. Unsympathisch war sie mir trotzdem.

Und nicht nur mir: In einer rechtschaffen verranzten Sportsbar in Berlin-Schöneberg traf ich zur Playoff-Zeit 2006 jeden Nachmittag nach Feierabend mir unbekannte Gleichgesinnte, in dem Fall ALBA-Fans, zum gemeinsamen Becks-Bier- und Basketballkonsum – mittlerweile auf Premiere, manchmal auch mitten in der Nacht zur ewig jungen Paarung Mavs gegen Spurs. Ich werde den Moment mein Leben lang nicht vergessen: Sasa Nadjfeji, damals bei Köln, trifft im Halbfinale den entscheidenden Buzzer-Dreier, weil Mike Nahar, Bamberg, den Switch verpennt.

Wildfremde Menschen, keiner davon Köln-Fan, liegen sich in den Armen. Gemeinsame Motivation: Bamberg-Hass. Nadjfeji spielt heute für König Dirk in München, Köln war erst Meister, dann pleite.

Auch das übrigens ein Gesetz des Sports: Zeiten ändern sich. Chris Ensminger keilte sich in den Playoffs 2006 noch ausgiebig mit den Telekom Baskets Bonn – und wechselte später von der Regnitz an den Rhein.

Einen Teil des Hassfaktors nahm er mit – in Bamberg hat nach Bauermann und Co. ein neues Image Einzug gehalten. Freak City ist doch tatsächlich sympathisch geworden: Unter Chris Fleming, der Bauermann 2008 beerbte, wird zwar immer noch Shut-Down-Defense gespielt, das allein ist ja aber (wie man an Trier sieht), noch kein Grund für Fan-Abneigung. Trotz des fast schon überirdischen Erfolgs (Double 2010, auf dem besten Weg zum Double 2011) hat Bamberg ligaweit Sympathie und Anerkennung gewonnen, die, zumindest aus meiner Sicht, über Jahre nicht gegeben waren. Die Stadt mit – neidlos zugegeben – einer der besten Fankulturen Deutschlands hat das verdient. Noch vor ein paar Jahren, hätte ich mich nicht darauf gefreut, zum Auswärtsspiel nach Bamberg zu fahren. Heute schon.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Sport, Trier, Zwischenmenschlich

2 Antworten zu “Warum ich Bamberg hasste

  1. Daniel

    Hach, wat schöne Erinnerungen! Die erste Arena-Saison, die Bamberger Bad Boys, die geile 04er Finalserie, der Nadjfeji-Dreier… und natürlich der Bauermann-Hass nach dem Gekloppe auf Bandscheiben-BJ, der in dem Spiel das erste Mal seit Monaten wieder spielte. Da brach für mich eine kleine Welt zusammen. Meine BBL-Sozialisation begann nämlich schon gut 10 Jahre früher, als der TBB noch TVG hieß, die Beko BBL noch Veltins Basketball Bundesliga, Willi Rausch noch TVG-Manager, Presse- und Hallensprecher war 😉 und Bayer Leverkusen als Dauer-Meister packende Europaligaschlachten in der Wilhelm-Dopatka-Halle spielte, zu denen ich manchmal auch gefahren bin. Und ihr Trainer, König Dirk, der war eine Art Held meiner Jugend, weil der meine Basketball-Sozialisation nun mal ähnlich stark prägte wie James Marsh, Aggy Mock, Svetislav Pesic oder Frank Buschmann.
    Und dann das Gekloppe gegen den den armen BJ, das hämische spöttische Gelächter vom arroganten Bundesdirk gegenüber unserem Joe, der sich fürchterlich aufregte, und die legendäre Pressekonferenz – da wars vorbei mit Jugendheld, die Verehrung schlug um in Verachtung, ab da musste man ihn hassen, was nicht leicht fiel 😉
    Aber so ist das ja zum Glück im schnelllebigen Sport, heute ist Bauermann wieder cool (zumindest als Bundestrainer), Bamberg wieder sympathisch, und ein weiterer Held meiner Jugend, der damals bei den „Bösen“ (ALBA) spielte, ist heute Trainer bei den „Guten“, nämlich bei uns!
    So sind Vergangenheit und Gegenwart wieder versöhnt – und als Dauerkonstante, die auch in 20 Jahren noch bestehen wird, gibts ja zum Glück noch Aggy! 🙂

  2. Christian Dirr

    Danke! Ach wie schön in Erinnerungen zu schwelgen. Ich kann jeden Satz unterschreiben.

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