Happy Birthday, Béla Bartók! – Mein Klavierunterricht 1/2

Über meine Twitter-Timeline komme ich zu der mehr oder weniger zufälligen Erkenntnis, dass der ungarische Komponist Béla Bartók heute vor 130 Jahren geboren wurde. Danke an den großen Buck65 für den Hinweis!
Béla Bartók, dieser Name weckt SOFORT Erinnerungen an meinen Klavierunterricht, der im Alter von sechs Jahren begann und mit 16 wegen zunehmender Erfolglosigkeit eingestellt wurde. Und gerade die Erinnerungen an die Anfangsphase sind wegen Béla Bartók nicht die Schönsten.

Von ihm stammt eine Klavierschule namens „Mikrokosmos“, auf die meine erste Klavierlehrerin, Frau Sohn große Stücke hielt. Offensichtlich nicht nur sie, der Mikrokosmos war bzw. ist offenbar ein moderner Klassiker, wenn es darum geht, jungen Menschen Klavierspielen beizubringen. Um es kurz zu machen: Ich habe ihn gehasst. Bartoks Kompositionen und Übungen schienen mir abstrakt, nicht nachvollziehbar (ich war ja erst acht…) und bestens geeignet, meine sowieso schon kaum vorhandene Motivation für ein Instrument, das ich mir nicht augesucht hatte, völlig zunichte zu machen. Meine Schwester ging mit ein paar Jahren Vorsprung durch die selbe Schule – sie wird es bestätigen können.

Dabei lag das noch nicht einmal an Béla Bartók oder Frau Sohn, einer eleganten Französin undefinierbaren Alters (als Sechsjähriger sind so ziemlich alle Menschen schwer zu schätzen – mit fast 30 Jahren Abstand vermute ich: Sie war Mitte 50, als ich sie kennenlernte und Anfang 60 als sie 1991 starb, aber ich kann mich irren). Bartók wollte das Beste für seine Schüler, und Frau Sohn wollte das auch. Sie bemühte sich redlich, mir gute Technik, Notenlesen und harmonisches Verständnis nahezubringen. Sie hatte Geduld mit mir, der ich wirklich nie Lust auf die Klavierstunde Dienstags am frühen Nachmittag hatte – und faul war ich noch dazu, üben tat ich so gut wie nie. Meine Eltern hatten mich im Sinne der Talentverwertung angemeldet, als sie erkannt hatten, dass ich eine gewisse Musikalität aufwies und durch den ersten Zwangs-Blockflöten-Unterricht in der Grundschule ohne nennenswerte Folgeschäden durchgekommen war. Und auch meine Schwester war am Klaierunterricht bei Frau Sohn nicht gestorben, also war ich fällig. (Auch meinen Eltern ist hier natürlich kein Vorwurf zu machen…) Zu diesem Zweck wurde übrigens extra ein altes Klavier aus einem Proberaum des Saarbrücker Staatstheaters angeschafft – hergestellt von einer DDR-Firma namens Alexander Hermann, nicht sehr schön und eigentlich auch nicht wohlklingend, und seine Theater-Vergangenheit sah man ihm daran an, dass offensichtlich öfter mal brennende Zigaretten auf ihm vergessen worden waren.

Frau Sohn wohnte und unterrichtete in einer Altbauwohnung in Dillingen. Die Decken waren dort so hoch, wie ich es seitdem nie wieder in einer Wohnung gesehen habe – vielleicht war ich aber einfach nur noch klein. Auch Frau Sohn kam mir riesig vor, war allerdings auch großgewachsen. Und, auch das ein Punkt, in dem ihre Wohnung perfekt zu ihr passte: Sie hatte ständig kalte Hände, ebenso wie es im ganzen Haus, Sommer wie Winter saukalt war – schwer zu heizen, so eine schlauchförmige hohe Jugendstilwohnung.

Wir spielten über die Jahre außer Bartók, durch den ich mich quälte, verschiedene Sonatinen, ich glaube von Beethoven, diverse andere Übungsliteratur, Ragtime, und vieles, an das ich mich nicht erinnere. Viel besser wurde ich nicht, glaube ich jedenfalls. Und irgendwann begannen wir mit der Toccata und Fuge in d-Moll von Bach – ein Orgelstück natürlich, aber ich hatte mittlerweile durch meinen Vater den Jazz und Jacques Loussier für mich entdeckt und nervte solange, bis ich auch auf dem Klavier an die Toccata durfte. Zu Ende brachten wir das Stück nie – Frau Sohn starb an Knochenkrebs als ich 14 war. Erst kurz zuvor war sie in eine andere, ebenfalls sehr schöne, aber besser zu heizende Wohnung gezogen. Ich verdanke ihr viel und denke, trotz der fehlenden Motivation, gerne an sie: Wann immer ich mir eine Melodie bildlich vorstellen möchte (so etwas kommt öfter vor, als man denkt), erscheint vor meinem inneren Auge eine Klaviatur – und kein Griffbrett, obwohl ich seit 1993 E-Bass spiele. Ich mochte sie, aber ich mochte damals nicht, was sie mit mir machte: Sie zwang mich, mich einmal die Woche (idealerweise öfter, aber ich übte ja nicht), mit Musik auf recht hohem Niveau zu beschäftigen. Heute wäre ich manchmal dankbar dafür. Vielleicht hätte es ja nicht gleich Bartók sein müssen…

Eins ist ihr allerdings nicht gelungen: Ich kann bis heute keine Noten lesen, oder zumindest deutlich schlechter, als ich es nach zehn Jahren Klavierunterricht können müsste. Auch eine hervorragende Pianistin und erfahrene Musiklehrerin wie Frau Sohn hatte nicht bemerkt, dass ich fehlende Notenkenntnisse (und vorhandene Faulheit) jahrelang durch ein fast perfektes Gehör und ein gutes Melodiengedächtnis ausgleichen konnte.

Ich wechselte dann mit 14 zu einem anderen Klavierlehrer in der gleichen Stadt, dem ich übrigens auch viel verdanke – ein Thema für den zweiten Teil…

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