„Are we ready?“ – Geoff Berner Trio im Hafeneck, Mainz

Geoff Berner Trio im hafeneck, MainzAn einem Montag abend in einer eher linken Mainzer Kneipe namens Hafeneck – klein, charmant angegammelt an den richtigen Stellen, sauber und gut organisiert an den anderen richtigen Stellen, auf Trierer Verhältnisse übertragen eine Mischung aus „Schwach und Sinn“ und „Simplicissimus“. Der Laden ist bumsvoll. Stehplätze gebe es nur noch „im Barbereich“, wie der Chef an der Kasse mitteilt. Dort drängelt sich das Volk genau wie überall sonst im Hafeneck – an der Tür, vor den Klos, um die kleine Bühne herum. An der Bar werden aber tatsächlich gleich Plätze frei, denn noch steht dort der „Whiskey Rabbi“, in jeder Hand ein Glas Alkohol, und tut, was zur Show gehört, und was er auch nach der Show tun wird: Trinken, politisieren, mit Leuten reden. Aber gleich muss Geoff Berner mit seinen beiden Mitmusikern Brigitte Dajczer und Wayne Adams auf die Bühne, zum anderen Teil der Show: Klezmerpunk mit hochpolitischen Texten und extrem unterhaltsamen Moderationen. Dann tauscht der kleine Kanadier mit der funkelnden Glatze und ebensolchen Augen die Gläser gegen ein Akkordeon, lässt den Alkohol aber nie außer Reichweite.


Geoff Berner ist ein Phänomen. Es dürfte weltweit wenige Künstler geben, die sich so sympathisch zum Gesamtkunstwerk inszenieren können – der „Whiskey Rabbi“ ist ein geduldiger Zuhörer, ein großer Geschichtenerzähler, der auch noch sturzbetrunken völlig klar im Kopf ist. Ich habe mit diesem Mann früh um vier über kanadische Politik diskutiert, er hat sich an anderer Stelle nach der Show mit Konzertbesuchern kompetent über Gerhard Schröder und dessen Lobbyismus unterhalten. Und ich dachte zuerst, er blufft, aber so ist es nicht: Er weiß tatsächlich wovon er da redet. Seine Themen sind bitterernst, es geht, auch in seinen Songs, um Polizeigewalt, Rassismus, Antisemitismus, Emigration und Ausgrenzung – aber er schafft es, dass man sich gerne mit ihm darüber unterhält, ihm gerne zuhört, wenn er darüber singt.

Berners Show, genau wie seine Musik, seine Texte und der ganze Kerl, sind vielschichtig: Was sich beim ersten Drüberhören, für jemanden, der sich zum Beispiel an diesem Montag ins Hafeneck verirrt hat, anhört wie der schlimmste Katzenjammer, ist nach noch nicht einmal zwei Minuten als virtuos komponierter und vor allem arrangierter Klezmerfolk erkennbar. Berner setzt sein Akkordeon sparsam aber höchst effizient ein und überzeugt vor allem durch seine eindringliche, aber nicht unangenehme Gesangsstimme mit weichem kanadischen Akzent. Seine MitmusikerInnen Wayne (Percussion) und Brigitte (Geige) sind deutlich mehr als nur Staffage, verleihen dem ganzen Dynamik und Virtuosität. Ebenso facettenreich: die Bühnenpräsenz nebst Aussage. Geoff Berner ist ein hervorragender Entertainer, ein Clown ohne rote Nase, der die ganze Kneipe gekonnt mit guten Wortwitzen unterhält. Doch so brüllkomisch es ist, dass er es schafft, das Publikum im Refrain von „Daloy Polizei“ die Worte „Fuck the Police“ schreien zu lassen: Die Message dahinter ist knochentrocken und todtraurig. Es geht um Polizeigewalt, ein Thema, dem er sich, zum Beispiel mit dem Song „One Shoe“ von Kris Demeanor, schon öfter genähert hat. „Daloy Polizei“ ist ein jiddischer Arbeitersong aus dem zaristischen Russland, Berner hat einen englischen Text mit modernen Fallbeispielen darüber gelegt. Die Message kommt durch, die Leute amüsieren sich trotzdem und werden später darüber nachdenken, was sie dazu veranlasst hat, einen Satz zu rufen, hinter dem sie politisch womöglich gar nicht stehen. Der Künstler selbst spielt auch selbstironisch damit, wie mit fast allem, was ihm unterkommt. Im Show Opener „Rabbi Berner finally reveals his True Religious Agenda“ muss das Publikum in bester Call-and-Response Manier auf seine (rhetorische Frage) „Are you ready“ mit „We are ready“ antworten – sie tun es, noch bevor sie den Text gehört haben, noch bevor der Rabbi eine einzige Note gespielt hat. Er hätte auch einen guten, dabei viel weniger subtilen Demagogen abgegeben, wenn er sich nicht vor einigen Jahren für das Akkordeon und das Whiskyglas entschieden hätte.

Allerdings geht es nicht nur um Religion, Repression und Tod – zwischendurch besingt Berner natürlich den Whiskey („The Whiskey“), die Halbwelt („Laughing Jackie The Pimp“) oder sein Credo vom kompromisslosen Multikulturalismus („Half-German Girlfriend“, „Luck in Exile“). „Half-German Girlfriend“, eine Liebeserklärung an seine Lebensgefährtin Karina Zeidler, ist ein klassischer Bernerismus: alleine die Textzeile „the Nazi and the orthodox jew / would be disgusted if they knew / about the dirty things we do / on that they would agree“ erklärt sehr treffend, worum es bei Berner geht.


Die Show ist nicht nur an der Kasse ein Erfolg, die Mainzer und die Zugereisten sind begeistert. Das Publikum ist sehr durchmischt, bei einigen älteren Herrschaften der Marke „pensionierte Geschichtslehrerin“ hat man durchaus den Eindruck, sie hätten im örtlichen Kulturblatt was von Klezmermusik gelesen und das Ganze daraufhin für eine seriöse Veranstaltung gehalten. Aber: sie amüsieren sich, sie singen mit und lachen an den richtigen Stellen. Nach der Show verabschieden sich fast alle persönlich bei ihm; der Kontakt zwischen Künstler und Konzertbesucher geht deutlich über Autogrammwünsche und das übliche „great show“-Gefasel hinaus. Geoff Berner ist heute zum vierten Mal im Hafeneck, es ist auch das vierte Mal, dass ich ihn treffe – und ich bin wohl nicht der einzige im Raum, der ihn mittlerweile als guten Freund bezeichnen würde, obwohl wir uns nur ca. anderthalb mal im Jahr sehen.

Wir hoffen sehr, dass es im Herbst mal wieder in Trier klappt – beim letzten Mal im Brunnenhof war’s ein hervorragender Abend, der nach Wiederholung schreit. Yes, we’re ready!

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Eingeordnet unter Musik, Politik, Videos, Zwischenmenschlich

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