Student Debauchery, début de siècle

Allmächtiger! Da sind doch tatsächlich auf Facebook Bilder von unserer ersten richtig großen WG-Party am Porta-Nigra-Platz im Herbst 2000 aufgetaucht. Jörg Siersdorfer hat sie hochgeladen. Er hatte damals zwei kleine Digitalkameras dabei, die noch nicht mal einen Sucher hatten (wir schrieben das Jahr 2000!), aber wahrscheinlich trotzdem 499 DM pro Stück gekostet hatten. Wir standen am Anfang des digitalen Zeitalters und Jörg Siersdorfer kann getrost als Pionier bezeichnet werden. Dass sich beim Kauf dieser Dinger jede Mark gelohnt hat, kann man heute sehen.

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Die Porta-WG verfügte über eine Wohnsituation, die man durchaus „paradiesisch“ nennen kann. Hunderte Quadratmeter „kreativ sanierter“ Altbau mitten in der Stadt, auf denen zu Spitzenzeiten sechs, zum Zeitpunkt der Party fünf, später vier Mitbewohner hausten. Im ersten bzw. dritten Stock genau das gleiche Bild wie bei uns im zweiten: nur Studenten. „Kreativ“ war die Sanierung deshalb, weil der Vermieter, ein Kieferchirurg aus dem Hunsrück, einen legendären Ruf genoss: Er hatte das ganze Haus, alle drei Stockwerke samt Keller, per Salamitaktik, also immer dann, wenn er Zeit hatte, eigenhändig renoviert und sich dabei ausschließlich Materialien bedient, die man im Dental-Zubehör-Versandhandel kaufen konnte. Es ist mindestens ein Auftritt verbürgt, bei dem er unseren Nachbarn beauftragt hat, Zahnspangendraht zu kaufen, um die Dusche zu reparieren. Im Verlauf dieser Konversation sagte er noch sehr viel mehr spaßige Sachen, die aber nicht hierher gehören. Und viel später, so um das Jahr 2007, verglich er einmal per Fax eine WG-Party im dritten Stock mit dem Holocaust. Ein lustiger Mann.

Doch zurück zum Jahr 2000.
Es ist in dieser Nacht soviel billiger Alkohol konsumiert worden dass ich mich wundere, wieso mir so ein hoher Prozentsatz der denkwürdigen Ereignisse in Erinnerung geblieben ist. Wie bei jeder guten Hausparty hatten wir vorher die Bude komplett leergeräumt, alle wichtigen Dinge in ein Zimmer geschafft und dieses verschlossen. Der elektrische Türöffner wurde mit Klebeband auf Dauerfeuer gestellt und an die Sprechanlage ein Kassettenrekorder angeschlossen, der die „Internationale“ in Endlosschleife auf den Porta-Nigra-Platz übertrug. An einer Wand des riesigen Flurs hing ein Plakat, auf dem alle Gäste sich verewigen sollten. Überschrift: „Alle Macht den Drogen – jetzt erst recht! Mit meiner Unterschrift spreche ich Christoff (sic!) Daum das Vertrauen aus, die Geschicke der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft im 21. Jahrhundert zu leiten!“ – am Nachmittag war die Skandal-Pressekonferenz im Fernsehen gezeigt worden, in deren Verlauf Christoph Daum, ein zu diesem Zeitpunkt recht erfolgreicher deutscher Fußball-Lehrer, eingestehen musste, Kokain konsumiert zu haben. Er habe „mit Zitronen gehandelt“, sagte er. Ein prägender Moment, offensichtlich.

Die Party sprengt alle Erwartungen, geschätzte 200 Personen befinden sich in unserer Wohnung, es tauchen busweise neue und alte Bekannte auf. Zu den neuen gehört eine Gruppe Punks, die im Exhaus auf dem TERRORGRUPPE-Konzert gehört haben, dass hier was los sei und uns jetzt im Flur das Bier wegsaufen. Zu den alten gehört unter anderem meine damals beste Freundin B., damals wohnhaft in Koblenz und solange ich sie kannte dem Trunke komplett abhold. Das hatte was mit Politik zu tun, Straight Edge oder so. Die Tür geht auf, B. fällt hindurch und mir mit dem Satz „Ich bin übrigens knallvoll!“ um den Hals. Der Abend nahm seinen Lauf und ging in eine Phase, aus der ich dann doch nicht mehr allzuviele Details weiß. Die zum ersten Mal volltrunkene B. entwickelt unglaubliche Energien und pöbelt ihr wildfremde Gäste an, was vor allem als die Reihen sich lichten zum Problem wird.

Als ich am frühen Morgen endlich genug von dem ganzen Wahnsinn habe und schlafen gehen will, muss ich feststellen, dass mein Bett von ungefähr vier komatösen Gästen belagert ist – am lautesten schnarcht Jörg L., heute Journalist in Saarbrücken. Auf der Couch schlafen scheidet leider auch aus – dort trifft gerade ein bekannter DJ / Barkeeper, der ein paar Jahre später diese beiden Qualifikationen in einem heute noch exisitierenden Trierer Szene-Café anwandte, letzte Vorbereitungen zum vorehelichen Geschlechtsverkehr mit einer Komplizin, deren Gesicht ich auf die Entfernung Gott sei Dank nicht erkennen kann. Das Bild seines hochgestreckten nackten Hinterns, im Morgengrauen auf mehrere Meter deutlich erkennbar, wird mir jahrelang in Erinnerung bleiben und immer wieder aufblitzen, wenn ich in dem Café sitze, in dem er arbeitet oder auf einer Party bin, auf der er auflegt. Es hilft nix: Ich schnappe mir die total betrunkene B., die immer noch nicht kleinzukriegen war und im Flur herumwuselt und zwinge sie zu einem Morgenspaziergang an der Mosel entlang. Als wir eine halbe Stunde später zurückkehren ist der DJ fertig (oder mit Gespielin sonstwo) und die Couch sogar noch einigermaßen sauber.

Mehr als eine Stunde Schlaf (geschätzt) ist sowieso nicht drin, denn schon bald macht das Gerücht die Runde, Vermieter Dr. Dr. H. sei unterwegs nach Trier um eine unangekündigte Wohnungsinspektion vorzunehmen. Zuzutrauen wäre es ihm, von ihm stammt immerhin auch der schöne Satz „Wer abends saufen kann, kann morgens die Treppe putzen“, um 6:30 Uhr wohlgelaunt telefonisch vorgetragen. Hektische Betriebsamkeit macht sich breit, denn die Wohnung sieht aus wie eine Ausstellung über den Frühsommer 1945. Mitbewohner Patrick macht sich geistesgegenwärtig auf den Weg in den dritten Stock, um Putzmittel zu leihen. Nur fair, schließlich haben sich die Damen und Herren Nachbarn auf unsere Kosten bestens amüsiert. Bereits Minuten später ist er zurück. Putzmittel hat er keins dabei, dafür Emily, die langbeinige, etwas verrückte französische Austauschmitbewohnerin der Nachbar-WG. In Unterwäsche, ich schwöre bei Gott. Ich beschließe, unter den gegebenen Umständen sofort einen Kreislaufkollaps zu bekommen und falle rückwärts in mein Bett, das wieder verfügbar ist, weil Jörg L. sich mittlerweile erhoben und auf den Weg zurück ins Saarland begeben hat. Das mit dem Vermieter war blinder Alarm, und so können wir das Chaos in aller Ruhe beseitigen.

Zwischendurch klingelt noch Paco, einer der Punks aus dem Exhaus. Um genau zu sein der, der den größten Teil des Abends mit dem Gesicht nach unten im Flur gelegen und so für massive Verkehrsstörungen gesorgt hatte. Er habe gestern nacht seine Brille verloren und ohne sei er quasi blind. Die Brille findet sich recht schnell in einem Regal, wo ein geistesgegenwärtiger Mitmensch (Paco selbst kann es demnach nicht gewesen sein) sie sicher vestaut hatte. Seitdem grüßt Paco mich immer, wenn wir uns zufällig in der Stadt sehen.

Abends sieht die Bude wieder fast aus wie vorher. Hinter der Waschmaschine in der Küche finden wir einen Müllsack, halbvoll mit Wiener Würstchen. Ich erinnere mich sehr dunkel, dass Jörg L. ihn mir bei Betreten der Wohnung mit den Worten „Fleisch auf den Tisch“ in die Hand gedrückt hatte – allerdings weiß ich nicht mehr, warum. Die Verärgerung darüber, dass wir uns mit einem vorhandenen Sack Würste 16 Stunden vorher in WG-Party-Macher-Kreisen unsterblich hätten machen können, weicht der Gewissheit, dass wir auch ohne Fleischereierzeugnisse ein Fest gefeiert haben, über das man noch lange reden wird. Dass ich es im Jahr 2011 immer noch tue, war damals allerdings nicht vorherzusehen – wie so einiges, was seitdem passiert ist.
Danke, Jörg!

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