Fünf Jahre in Frankreich

Foto: Flickr/wuhuu

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Ich wollte ihm beim Rausgehen aus dem Dorfpost-Tante-Emma-Laden nur die Tür aufhalten. Der Boden war mit Paketen und frisch eingetroffener Ware zugestellt, es war eng. Ich wollte ihm nicht unterstellen, dass er es aus Altersgründen nicht mehr alleine geschafft hätte – es war die reine Höflichkeit, für eine gleichaltrige Frau oder einen jüngeren Mann hätte ich es genau so getan, weil ich in der besseren Position und näher an der Tür war. Auf meine Frage „Geht’s?“ antwortete er mit einem lächelnden „Ja, danke, die alten Knochen wollen ja nicht mehr so richtig. Aber ich war auch mal so jung wie Sie.“ Solche Dialoge, in denen fremde Leute mit ihrem Alter kokettieren, können furchtbar schief gehen. Trotzdem stieg ich darauf ein, denn er war mir nicht unsympathisch und einmal im Jahr kann sogar ich Small Talk machen.  „Naja, ich bin ja auch schon vierzig.“ – „Da hab ich ja ganze fünfzig mehr!“

Ich sagte irgendwas verwundertes, was nicht nur höflich, sondern ehrlich gemeint war. Er sah höchstens aus wie Mitte siebzig – klein, aber nicht altersgekrümmt, mit wachen Augen, aber nicht diesem bohrenden Blick, den alte Leute manchmal haben, wenn in ihrem Leben nichts mehr los ist, außer alt zu sein.  „Ja, die neunzig gibt man mir auch nicht – ich hab immer viel Sport gemacht, nie geraucht oder getrunken, vielleicht kommt’s daher. Und im Krieg war ich – ganz am Ende haben sie mich noch gekriegt. Und danach durfte ich für den Hitler noch fünf Jahre in Frankreich bleiben.“ Zweimal sei er abgehauen, „man wollte halt heim“, beide Male haben sie ihn wieder eingesammelt. Einmal hat er vier Tage durchgehalten „quer durch Frankreich in der Uniform, immer nachts.“ Ich verkneife mir die Bemerkung, dass das wahrscheinlich auch unter „Sport“ läuft – aber ich glaube, er hätte es mir nicht übel genommen. In der vierten Nacht hat ihn ein Bauer mit der Mistgabel beim Eierklauen erwischt. Dafür gabs vier Wochen Einzelhaft. „Und ich kann die Franzosen so gut leiden, das glaubt mir nie einer, wenn ich das erzähle.“

Fünf Jahre in Frankreich. Nach meiner Rechnung war er 18 oder 19, als er auf den letzten Drücker noch mitmachen musste. Mit dem Leben davongekommen, klar. Immerhin. Was er genau erlebt hat, „das will ich nicht erzählen“, und  ich habe auch nicht gefragt. Aber fünf wichtige Jahre im Leben einfach so weg – und das nicht im finsteren Mittelalter oder im 19. Jahrhundert, sondern zu Lebzeiten eines gesunden alten Mannes, der noch lebt, um davon zu erzählen. Wenn man genau drüber nachdenkt: Total irre. Was habe ich zwischen 19 und 24 gemacht? Abitur, Zivildienst, Studium, Auslandsaufenthalt. Party, Mädchen, Rock’n Roll. In Frieden und Sicherheit. Ohne Stacheldraht oder die Sorge, dass morgen einer kommt, der mir befiehlt, Frankreich zu überfallen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch kein Ei geklaut und habe es auch nicht vor.

Wir plaudern noch eine Weile. Er ist außerdem Musiker, auch das habe ihn wohl jung gehalten, er habe viel in Altenheimen gespielt und wenn man sieht, wie die Leute da vor sich hin vegetieren, das sei ganz furchtbar. Und man solle dankbar sein, dass „der da oben“ einem noch die Chance gibt, dass man das vermeiden kann. Es ist auch ohne die Geste Richtung Himmel klar, dass er diesmal nicht den Hitler meint.

Wir wünschen uns einen schönen Tag. Er steigt auf sein Fahrrad (!) und fährt davon.

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„Der Kollege hat recht, aber er hätte es nicht so sagen dürfen…“

Bill Posters, der Schutzpatron der Plakatierer, entzieht sich seit Jahren dem Zugriff der Justiz. Seine Unterstützer behaupten "Bill Posters is innocent!"

Bill Posters, der Schutzpatron der Plakatierer, entzieht sich seit Jahren dem Zugriff der Justiz. Seine Unterstützer dagegen behaupten: „Bill Posters is innocent!“

Die Stadt Trier möchte künftig bei den Genehmigungen für Veranstaltungswerbung im öffentlichen Raum, also z. B. Plakattafeln an Laternenmasten und Spanntransparenten an Brückengeländern „restriktiver vorgehen“, meldet unter anderem 16vor.de. Böser Wille sei das nicht, man könne nicht anders, weil man bereits 2001, also unter einer personell völlig anders besetzten Stadtverwaltung, einen Vertrag mit einem externen Anbieter abgeschlossen habe. Dieser, und nur dieser, darf Werbeflächen im öffentlichen Verkehrsraum auf eigene Rechnung vermieten. Wenn die Stadt nun jedem dahergelaufenen Veranstalter von Konzerten, Ausstellungen, Messen etc. erlaubt, gegen einen bescheidenen Verwaltungs-Obulus Plakate zu kleben, entsteht eine Konkurrenzsituation und somit ein Vertragsbruch. Soweit die offizielle Begründung des Wirtschafts- und Kulturdezernenten, der damit sinngemäß gesagt hat: „Geht nit anders, Alta, is Schröer“. Dumm nur, dass man aus der selben Ecke immer wieder hört, dass die Stadt sehr gerne sehr viel für die Kreativwirtschaft tut.

Das „restriktive Vorgehen“ in Sachen Werbe-Erlaubnis ist sehr ärgerlich für Leute wie Ingo Popp, die Design-Messen-Veranstalter und überhaupt die vielzitierte „freie Szene“. Ein Aufreger-Thema. Beim Volksfreund und auf 16vor glühen die Kommentarspalten fast so heiß, als ginge es um Röcke und Rollrasen.

Gleichwohl: diese Nummer ist nicht neu. Bereits vor etwa vier Jahren spielte sich zwischen mir als damaligem Mitbetreiber einer Kleinkunstbühne mit grob geschätzt drei bis vier kulturellen Veranstaltungen pro Woche und der Stadtverwaltung Trier folgendes ab:

Wir wollten sehr gerne mehr Werbung machen. Der Laden lief einigermaßen, hatte von gastronomischen Highlights bis erstklassigen Bühnenprogrammen aller Genres viel zu bieten, allerdings musste diese Information auch irgendwie an die Leute, denn die sollten ja kommen. Nun hängt ganz Trier sehr oft voll mit Werbung – unter anderem die deutlich sichtbaren Brücken über den Ein- und Ausfallstraßen sind beliebte Werbeträger für Veranstaltungen aller Art. Hier setzte nun die Idee eines uns freundschaftlich (und ja, ich gebe es zu, auch geschäftlich) verbundenen Trierer Musikalienhändlers an. Er habe, so sagte er uns, drei PVC-Transparente anfertigen lassen. Links und rechts auf diesen Spannbändern befände sich Werbung für sein Geschäft. Die Mitte stünde zu unserer freien Verfügung. Unter zwei Bedingungen, erstens: Die jeweils beworbenen Veranstaltungen müssten etwas mit Musik zu tun haben, damit die inhaltliche Verknüpfung zu seiner Werbung gegeben sei. Zweitens: Er kümmere sich gerne um das Bedrucken der Transparente mit der jeweiligen Information, wir müssten allerdings den Vertrag mit der Stadt machen und das Auf- und Abhängen übernehmen. Das schien uns ein guter Deal zu sein.

Wir recherchierten also: Man kann sich bei der Stadt Trier praktischerweise ein Formular herunterladen, um die so genannte „Sondernutzungserlaubnis Spannband“ gleich per Fax zu beantragen. Auf der Website dazu heißt es u.a. „Plakat- und Transparentwerbung werden zugelassen für Kultur- und Sportveranstaltungen.“ Sehr zuvorkommend, fanden wir, und ließen die drei Spannbänder mit Werbung bedrucken, unter anderem für ein klassisches Konzert eines gemeinnützigen Vereins aus Konz, der alljährlich junge Pianisten aus der ganzen Welt zu einer Konzertreihe einlädt, und für die Aufführungen eines hervorragenden Impro-Theater-Ensembles aus Heidelberg, das einmal im Monat, mit Klavierbegleitung, bei uns auftrat. Ich füllte das Formular aus, kreuzte unsere Wunschplatzierungen an, faxte es weg und wartete ab.

Die Antwort aus dem Bauverwaltungsamt kam quasi faxwendend: Abgelehnt. Also beging ich einen schweren, aber sicher verzeihlichen Fehler: Ich rief dort an. Der zuständige Mitarbeiter, er war mäßig freundlich, was ich aber nach über zehnjährigem Aufenthalt in Trier normalerweise als Lokalkolorit verbuche, sagte folgenden schönen Satz: „Ich kann das nicht genehmigen, denn Sie machen keine Kultur.“ Das wunderte mich, denn nicht nur ich neigte dazu, das anders zu sehen: Unser Publikum nahm ständig das K-Wort in den Mund, unsere Veranstaltungshinweise und -kritiken fanden sich im Volksfreund meistens im „Kultur“-Teil, viele meiner Kontakte knüpfte ich einmal im Jahr auf der Freiburger „Kulturbörse“. Wir handelten in jedem Fall nicht mit Schnürsenkeln. Ich fragte nach.

„Sie haben eine Theke. Sie sind eine Gastronomie im Sinne der Gaststättenverordnung. Und als solche machen Sie keine Kultur.“ – „Haben Sie sich mal durchgelesen, was auf den Transparenten stehen soll?“ – „Nein, das ist auch vollkommen egal. Sie machen keine Kultur.“ – „Weil ich Bier verkaufe?“ – „Ja.“

Es wurmte mich, ich gebe es zu. Einen letzten Versuch gestattete ich mir dennoch: „Im Theaterfoyer steht eine Theke, da kann man in der Pause Bier und Sprudel kaufen. Würden Sie Gerhard Weber im Umkehrschluss als Gastronomen bezeichnen?“ – „So dürfen Sie das nicht sehen. Ich kann das nicht genehmigen.“

Das eigentlich Skurrile an der Situation wurde mir erst später klar: ich hatte mit einem Mitarbeiter des Bauverwaltungsamtes (dem ich auf gar keinen Fall irgendwelche Kompetenzen absprechen will!) fünf Minuten lang über den Kulturbegriff diskutiert. Und war ebensowenig vorangekommen, als wenn ich mit dem damaligen (vielleicht auch dem jetzigen) Kulturdezernenten über das Bundesfernstraßengesetz diskutiert hätte. Einen guten Tipp hatte mein Ansprechpartner dennoch: Die Impro-Schauspieler, die seien ja Künstler. Wenn DIE jetzt, am Besten von ihrer Heidelberger Faxnummer aus, den Antrag ausfüllen würden, dann stünde zumindest dafür einer Genehmigung wohl recht wenig im Wege. Wie’s der Zufall wollte, hatten diese echten Künstler bei ihrem letzten Gastspiel schon einen ähnlichen Vorschlag gemacht, „in Heidelberg ist das Standard, dass man da an Straßenlaternen und so werben kann.“ Ich schickte den Künstlern also das Formular per Mail. Sie füllten es aus und faxten es weg. nach ein paar Tagen kam es zurück, mit dem Vermerk „Abgelehnt“.

Ich bemühte mich um einen Termin beim Kulturbüro, den ich auch bekam – das ungute Gefühl, vielleicht doch den falschen Ansprechpartner am Telefon gehabt zu haben, trieb mich dazu. In der Zwischenzeit hatten wir uns zwar für die drei Transparente private Aushangflächen organisiert, aber das konnte auch keine Dauerlösung sein. Zumal genau in diesem Zeitraum an unseren „Wunschbrücken“ Transparente hingen, die unter anderem für eine Fitness-Studio-Eröffnung in Bitburg mit „Special Guest Detlef D! Soost (Popstars)“ warben, gesponsert von einer örtlichen Brauerei. Es handelte sich dabei aller Wahrscheinlichkeit nach um Kultur, aber sicher war ich mir nicht. Bei uns war Herr Soost jedenfalls noch nie aufgetreten und hatte es wohl auch nicht vor.

Das Gespräch mit dem Kulturbüro, nicht  nur zu diesem Thema, verlief freundlich und konstruktiv. Dann fiel, zu meiner Schilderung des Telefongesprächs mit dem Bauverwaltungsamt, der nächste schöne Satz: „Der Kollege hat vollkommen recht. Aber er hätte es nicht so sagen dürfen.“

Neben einigen anderen guten Ratschlägen wurde mir nahegelegt, einen eingetragenen Verein zu gründen – dann sei das mit solchen Genehmigungen kein Problem. Ich sagte, dass ich das nicht vorhätte. Ich wollte eine Kleinkunstbühne mit angeschlossener Cocktailbar betreiben, die sowohl an der Theke als auch auf der Bühne ein kulturell hochwertiges Programm auf die Beine stellt. Und ich wollte Leuten davon erzählen. Warum ich dafür einen Verein bräuchte? – „Dann würde es gehen.“

Ich möchte nicht jammern. Dass es den Laden nicht mehr gibt, hat ganz andere Gründe als drei Transparente, die nicht hängen durften. Wie das in Trier mit der Kultur, und vor allem der Kultur als Wirtschaftsfaktor, so funktioniert bzw. funktionieren soll, müsste mir aber trotzdem nochmal irgendwann jemand plausibel auseinandersetzen. Nach Möglichkeit bitte niemand von der Bauverwaltung.

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Train Tracks

(en route to Cologne on a saturday).

Somewhere, they're waiting to canonize you in the back.

Somewhere, they're waiting to canonize you in the back.

Weird childhood memories in this cross-country train.
Who builds their house right next to the tracks anyway.

Deutschland, deine Bahnhöfe…
They’re all up for sale, cheap to come by,
will cost you an arm and a leg to maintain, though.
Plus, why would I buy a train station?
I don’t get this country sometimes.
Still, more often than not, I get it.
But I’m a little scared of the day when that will change.

I could ride this train forever,
chasing the look in your eyes to the end of the world.
To the place where there are no train tracks anymore.
I’d walk the last bit, wherever that might be.
Overseas or continental. Lower 48 or outer space, maybe.
Maybe you haven’t been born yet. Maybe I’m already dead.

The station houses all look the same, trackside.
Once, they must have been pretty.
When there was money in carrying people back and forth.
And people liked pretty houses.
I reckon the money is still there. Somewhere.

This train takes a smoke break in the middle of nowhere.
Reminds me of two things.
a). The Greyhound stops in the town of Hanna, Alberta, home of Nickelback (of all crap bands you have to remember THIS one).
You rise from uneasy, air-conditioned sleep
and step out in the desert at about 40 degrees.
All you see is sky.
And a giant fishbowl with weird, huge deep sea creatures in it.
b). The mini-train stops in the middle of an island named Corsica, home of Napoleon Bonaparte.
Because the driver wants some ice-cream.

So this is all you can come up with, more than 30 years and a million miles after you rode your first train, at the hand of your parents.
Wait, there’s one more.

c). Taking a train to reach your first plane to go to an island named Malta, home of the Falcon.
When the engine breaks down and the schedule collapses
and your dad is as close to freaking out as never again, probably.

Not even when years later your sister crashed the family car.

I was three years old then.
On this ride today it feels like
all I’ve ever done in between
is forgetting and remembering.
At the weirdest occasions.

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Die Lust am gruseligen Anachronismus

Catherine (Kristina Heitzer) mag den Bruder von Frederick Tilney (Thomas Wahrlich) eigentlich viel lieber. Am Liebsten mag sie aber Bram Stokers "Dracula". Foto: Daniela Rößler.

Catherine (Kristina Heitzer) mag den Bruder von Frederick Tilney (Thomas Wahrlich) eigentlich viel lieber. Am Liebsten mag sie aber Bram Stokers "Dracula". Foto: Daniela Rößler.

Mit “Northanger Abbey” bringt Trier English Drama zum zweiten Mal nach 2009 ein Stück von Jane Austen auf die Bühne. Und zum zweiten Mal gelingt der Spagat, einen viktorianischen Gesellschaftsroman, der mit zeitgebundenen Anspielungen gespickt ist und über einen eher verwirrenden Plot verfügt, übersichtlich und nachvollziehbar aufzuführen – in überwiegend bestem Englisch.

Wer Loriots Fernsehansagerinnen-Sketch im Gedächtnis hat, konnte am Sonntag in der ausverkauften Tuchfabrik feststellen, dass Vicco von Bülow sich für das fiktive Fernsehstück “Die zwei Cousinen”, bei dessen Zusammenfassung Evelyn Hamann so herrlich scheitert, nicht all zu viel Handlung selbst ausdenken musste: Die konfuse Familiengeschichte, die sich auf mehreren Landsitzen in der britischen Upper Class abspielt, könnte eins zu eins aus einem Roman von Jane Austen stammen – zum Beispiel aus “Northanger Abbey”.

Catherine Morland (Kristina Heitzer), eine zuckersüße 17-jährige Schönheit vom Lande mit ausgeprägtem Hang zu Gruselgeschichten, verliebt sich in der Sommerfrische in den geistreichen Gentleman Henry Tilney (André Manchen), wird aber gleichzeitig von dessen weniger geistreichem Bruder Frederick (Thomas Wahrlich) und dem überhaupt nicht geistreichen Pferdehändler John Thorpe (Mathias Zimmer) umworben. Gleichzeitig verlobt sich ihr etwas einfältiger Bruder James (Christian Lühr) im Eilverfahren mit Isabella Thorpe (Annika Toll), der überhaupt nicht einfältigen Schwester des rauhbauzigen Pferdehändlers. Isabella lässt sich allerdings nicht davon abbringen, gleichzeitig heftig mit Frederick Tilney zu flirten – man ahnt schnell, dass es dabei nicht um die große Liebe geht, sondern um familiären Reichtum, beziehungsweise das angebliche Vorhandensein des selben.

Catherine wird von den Tilneys auf deren Landsitz Northanger Abbey eingeladen, was der großen Dracula-Anhängerin mit der blühenden Fantasie sehr entgegenkommt – die Frage, ob die vor einiger Zeit verstorbene Mutter Tilney (Nike Larrá) vielleicht von ihrem etwas zwielichtigen Ehegatten, dem General Tilney (Thomas Dewitz) um die Ecke gebracht worden sein könnte, ist allemal spannender als der langweilige Familienurlaub in Bath. Das alte Hausmädchen der Tilneys, Dorothy Kenwick (Christian Lühr in einer waghalsigen Doppelrolle), leistet diversen Mordtheorien gerne Vorschub. Solcherlei Ideen stehen einem Happy End zwischen Catherine und Henry im Wege, doch selbstverständlich klärt sich am Ende alles auf: Henry versichert, dass seine Mutter eines natürlichen Todes starb, der General gibt seinen, zwischenzeitlich aus finanziellen Überlegungen heraus verweigerten, Segen (weil Henrys Schwester reich heiraten wird), und alle sind glücklich.

Dieser Artikel erscheint auch auf 16vor.de!

Soweit der Versuch einer Zusammenfassung, ohne dabei wie Evelyn Hamann zu verzweifeln. Allerdings: das ist nur die halbe Wahrheit, denn schon in scheinbar harmlosen Situationen, zum Beispiel beim ersten Abend in Bath, übernehmen in Catherines Hirn die zahllosen Romane, die sie gelesen hat, die Regie. Aus völlig normalen Menschen werden – für den Zuschauer deutlich sichtbar – Vampire, Monster, der Glöckner von Notre-Dame oder auch das Phantom der Oper. Diese Eigenheit des Stücks beruht auf der Tatsache, dass Jane Austens posthum erschienener Roman eine Satire auf das damals grassierende Gothic-Novel-Fieber darstellt – “Northanger Abbey” ist eine Art “Scream”-Tetralogie für das viktorianische Zeitalter.

Es sind diese Fantasie-Szenen, die das Stück interessant machen, und sie sind hervorragend umgesetzt: John Thorpes Blitzverwandlung in Quasimodo während einer Kutschfahrt ist beste Slapstick-Comedy mit dem einfachen Mittel guter Körperbeherrschung – Mathias Zimmer trifft den Stil genau. André Manchen, wie er als Phantom der Oper seiner Angebeteten Catherine die Vampirfamilie Tilney-Thorpe in Zeitlupe vom Leib hält ist mindestens genauso gut. Das Highlight der Horror-Fantasien, die allesamt durch geschickt gesetzte Licht und Toneffekte eingeführt werden, ist aber Catherines Mordtheorie: drei oder vier Mal muss sich Nike Larrá von Thomas Dewitz in einer simplen aber perfekt getimeten Choreographie mit dem Hackebeil abschlachten lassen, während Catherine und das Hausmädchen nachdenklich daneben stehen.

Den Beteiligten, allesamt Amateure, ist die unbändige Lust an diesem Klamauk deutlich anzumerken, Kristina Heitzer sticht dabei in der Hauptrolle der naiven Leseratte aus einem durchweg guten schauspielerischen Niveau heraus. Ihre Catherine ist der Vorlage angemessen naiv, dabei aber alles andere als dumm – sie stellt sich nur bildlich vor, was andere nicht sehen oder denken wollen. Damit passt sie zu André Manchens Henry, dem eleganten Charmeur. Man glaubt ihm, dass er es ernst meint – und auch den erlösenden Kuss zum Schluss kauft man den beiden ab.

Ein kleiner Wermutstropfen: Christian Lühr spielt den, zugegeben, etwas dämlichen James Morland total überdreht, kasperhaft und aufdringlich kindlich – dank seiner Doppelrolle hat er aber ausreichend Gelegenheit, diesen Lapsus wieder gutzumachen. Im zweiten Teil brilliert er als altes Hausmädchen Dorothy – hier hat er sich mimisch wie gestisch mit einiger Sicherheit bei Terry Jones bedient, wenn der mal wieder für Monty Python britische Hausfrauen spielen musste. Nur Dorothys Akzent ist, “truly gothic” ein sehr deutscher, doch auch das passt voll ins Bild.

Zwar ist das Stück voller Anachronismen: Catherine liest “Dracula”, ein Buch, das zu Austens Lebzeiten noch lange nicht veröffentlicht war, auch “Der Glöckner von Notre Dame” kam natürlich erst viel später. Doch ist das lediglich inszenatorische Chuzpe, erlaubt es doch, den Traumsequenzen zum Beispiel mit Vampirgebissen den letzten Schliff zu geben.

Überhaupt leistet die gründliche Regie von Christoph Nonn, wie schon 2009 bei “Pride and Prejudice“, ihren Teil, um das eigentlich unübersichtliche Stück zu ordnen, den Zuschauer nicht allein zu lassen und darüber hinaus komische Glanzlichter zu setzen. Hervorragend gelöst ist zum Beispiel das Ende: Catherine und Henry dürfen trotz fehlender Mittel heiraten – weil Henrys Schwester Eleanor (Johanna Lauer) reich heiraten wird. Den dazugehörigen Zukünftigen sieht der Zuschauer nicht – und Hausmädchen Dorothy erklärt, in einem gewagten aber erfolgreichen Rollenbruch, dass es dramaturgisch nicht angezeigt sei, eine Nebenfigur, und sei sie noch so wichtig, so kurz vor Schluss zum ersten Mal über die Bühne zu schicken. Trier English Drama hat offensichtlich einen augenzwinkernden Bildungsauftrag, bei dessen Erfüllung nur ja keine Langeweile aufkommen soll. Diese Einstellung hört an der Bühnenkante nicht auf: Das ebenso unterhaltsame wie informative Programmheft klärt viele Fragen.

Zusammengefasst bietet “Northanger Abbey” ehrliches, leidenschaftliches Theater mit vielen guten Einfällen – das Publikum im großen Tufa-Saal dankt es der Gruppe mit langanhaltendem Applaus und voraussichtlich einer weiteren ausverkauften Vorstellung am heutigen Dienstag (20 Uhr).

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„Even Jesus got blue eyes!“

Das rätselhafte Foto - vorsichtig datiert auf ca. 1914. Meine Großmutter ist das "helle" Mädchen in der Mitte.

Das rätselhafte Foto - vorsichtig datiert auf ca. 1912 bis 1914. Meine Großmutter (*1906) ist das "helle" Mädchen in der Mitte.

Ein vielleicht ganz banales altes Foto bietet Raum zu reichlich Spekulation. Die facebook-Freunde helfen beim Raten – aber es ist niemand mehr da, den man fragen kann.

Neulich brachte meine Mutter von Verwandten zwei große Umschläge mit alten Familienfotos mit – Schwarz-Weiß-Bilder aus der Generation ihrer Eltern und Großeltern. Die Familiengeschichte ist hinreichend dokumentiert, den (gründlich erforschten) Stammbaum dieses Zweiges meiner Familie aus Schmelz im Saarland kannte ich mal fast auswendig. Und so (er)kannte ich auch die meisten abgebildeten Personen, allerdings kannte ich viele der Bilder noch nicht. Mein Urgroßvater im Ersten Weltkrieg und davor, meine Oma bei der Feldarbeit, mein Opa im Zweiten Weltkrieg, Soldaten, Auswanderer, Familienfotos, Schnappschüsse bis in die 1950er.

Ein Foto faszinierte mich. Es zeigt meine Großmutter Maria (1906 – 1989) als kleines Mädchen mit einer Gruppe Kinder, möglicherweise ihrer Grundschulklasse. Mit auf dem Bild sind ein Priester und die damalige Schmelzer Lehrerin. Interessant wird dieses Bild durch drei Eigenheiten:

– zwei der Kinder, ein Mädchen und Junge haben ein schwarz geschminktes Gesicht.

– eins der Mädchen, ganz links im Bild, ist als Engel verkleidet – im weißen Nachthemd, mit Krönchen und Flügeln auf dem Rücken.

– sieben der insgesamt zwölf Kinder, meine Oma eingeschlossen, schauen gespannt, fast schon verängstigt, in die linke obere Bildecke, anstatt in die Kamera, wie es die übrigen Kinder und die Erwachsenen tun.

Meine Neugier war geweckt. Ich wollte wissen, was genau da los gewesen war. Meine Oma ist seit fast 23 Jahren tot, die konnte ich nicht fragen. Auch ihre Geschwister, fünf an der Zahl, von Jahrgang 1904 bis 1920, leben nicht mehr, ihre jüngste Schwester starb Ende 2010.

Den verängstigten Blick schiebe ich, der Einfachheit halber, auf die Sensation, die es in den 1910ern für eine Grundschulklasse bedeutet haben muss, fotografiert zu werden; wahrscheinlich noch mit einem Magnesiumblitz, der sich ungefähr in der Blickrichtung befunden haben könnte.

Aber wohin mit dem Engel und den zwei schwarzen Gesichtern?

Ich veröffentlichte das Bild auf facebook, erst via Instagram, dann nochmals in größerer Auflösung. Vielleicht hatte ja mein virtuelles Umfeld ein paar Ideen.

Und facebook spielte seine Stärken aus. Neben einigen flapsigen Bemerkungen („Der Zirkus war in der Stadt“, „Es sind Wolfskinder aus Südamerika“ und, unvermeidlich, „Wo hat der schwarze Mann in der Mitte seine linke Hand?“) entspannen sich schnell interessante Ansätze, unter anderem vorgebracht von einem brasilianischen Musiker, meinem ehemaligen Deutschlehrer, einem gelernten Soziologen  und einem Trierer Kulturveranstalter.

Der interkulturelle Aspekt:

Warum sind auf dem Bild zwei Kinder schwarz? Und warum ist bei unseren "drei Königen" nur einer schwarz?

Warum sind auf dem Bild zwei Kinder schwarz? Und warum ist bei unseren "drei Königen" nur einer schwarz?

Der erste spontane Ansatz lautete, natürlich: Krippenspiel – erklärt zumindest den Engel. Erklärt, laut Fred Barreto aus Salvador da Bahia in Brasilien, auch die zwei schwarzen Kinder – denn „the three wise men were africans!“
Ich gab daraufhin  zu bedenken, dass dann auf dem Bild einer fehlen würde – und dass in Deutschland nur einer von den dreien als Schwarzer dargestellt wird. Und dann schrieb Fred meinen Lieblingssatz in dieser Diskussion, titelgebend für diesen Artikel: „Welcome to the White World!! Even Jesus got blue eyes!“  Heißt, natürlich: Nicht alles ist so wie es auf den ersten Blick scheint. Und nicht überall ist alles so, wie man es von zu Hause gewohnt ist.
Aus einem etwas skurrilen alten Kinderfoto war auf einmal eine interkulturelle, kunsthistorische Fragestellung erwachsen: Wie werden wo die drei Weisen aus dem Morgenland dargestellt? Ich war beeindruckt. Die Frage, warum zwei Kinder auf dem Foto ein schwarzes Gesicht haben, ist damit allerdings nicht beantwortet.
Der koloniale Aspekt:
Hat das Foto einen weltpolitischen Hintergrund, der über reines Krippenspiel hinausgeht? Ist die Schärpe des "schwarzen" Mädchens die Reichsflagge?

Hat das Foto einen weltpolitischen Hintergrund, der über reines Krippenspiel hinausgeht? Ist die Schärpe des "schwarzen" Mädchens die Reichsflagge?

Etwas, das mir auch aufgefallen war: das Mädchen mit dem schwarz angemalten Gesicht trägt eine Schärpe über der Schulter, die bei näherem Hinsehen die damalige deutsche Nationalflagge in schwarz-weiß-rot sein könnte – natürlich nur eine Interpretation, da es sich um ein Schwarz-Weiß-Bild handelt.
Es ist allerdings eine Vermutung, die gefällt: dass an diesem Foto mehr dran sein könnte, als ein schnödes katholisches Krippenspiel in der saarländischen Provinz. Peter Stablo mag in seiner Assoziation mit dem in Saarlouis geborenen Kolonial“helden“ Paul von Lettow-Vorbeck übers Ziel hinausschießen, aber ganz von der Hand zu weisen ist die Idee nicht.
Der kirchlich-koloniale Ansatz:
Die Quintessenz des Vergangenen: Kirchliche Mission für die Kolonien?

Die Quintessenz des Vorangegangenen: Kirchliche Mission für die Kolonien?

Es schaltet sich ein: Die Stimme der Vernunft. Angestoßen von Thomas Lenz, der das Bild in Verbindung mit katholischer Missionsarbeit in Afrika bringt, meldet sich mein ehemaliger Deutschlehrer, der vollkommen recht hat, wenn er sagt, dass das Missionsthema die wenigsten „inneren Widersprüche“ aufwirft. Da würde natürlich auch die Nationalflagge reinpassen. Peter Stablo nimmt dagegen die Widersprüche in Kauf, datiert  das Bild anhand des geschätzten Alters meiner Oma auf 1914, definiert das von Ulrich Meisser als Friedensengel gedeutete Mädchen  zum Siegesengel um. Mit der Datierung  könnte er recht haben, allerdings wirkt Maria auf diesem Familienbild doch etwas älter. Dieses letzte Bild stammt definitiv aus der Zeit nach 1914 – der auf dem Bild fehlende Vater war an der Front.
Leider hört die Diskussion danach auf – wie zu erwarten ohne ein abschließendes Ergebnis, das es ohne Augenzeugen ja auch nicht geben kann. Doch das Foto bleibt ein Faszinosum.

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„Lebende Menschen auf der Bühne sind spannender als Kino!“

Wechselt für "Keinohrhasen" die Seiten: Schauspieler Michael Ophelders (hier als Professor Higgins in "My Fair Lady") führt auch gerne Regie. (Foto: Marco Piecuch / Theater Trier.)

Wechselt für "Keinohrhasen" die Seiten: Schauspieler Michael Ophelders (hier als Professor Higgins in "My Fair Lady") führt auch gerne Regie. (Foto: Theater Trier.)

Am Samstag feiert „Keinohrhasen“ am Theater Trier Premiere. Regisseur Michael Ophelders spricht über das Stück, die Schauspieler und den Unterschied zwischen Kino und Theater.

Herr Ophelders, verraten Sie den wenigen, die den Film noch nicht kennen, worum es bei „Keinohrhasen“ geht?

Es geht um eine Liebesgeschichte zwischen einem Paparazzo und einer Kindergärtnerin. Der Paparazzo ist ein Frauenheld, der keine Dame auslässt, sie ist eine Art Öko-Frau, die ein braveres Leben führt. Die beiden kennen sich von früher, er hat sie im Kindesalter immer gehänselt. Und jetzt hat der Paparazzo aber einen Auftrag sozusagen zu kriminell ausgeführt und wird dazu verdonnert, Sozialstunden in genau dem Kindergarten zu leisten, den seine alte Bekannte leitet. Die beiden treffen also aufeinander, kommen aus völlig verschiedenen Lagern und, wie das im Theater oder im Film immer so ist, sie verlieben sich ineinander. Und dann wird es möglicherweise ein Happy End geben – ich will ja nicht alles verraten.

Während der Geschichte treffen die beiden auf ganz viele verschiedene Charaktere, Leute die interviewt werden müssen, wie Jürgen Vogel, Wladimir Klitschko, ein Volksmusikerpaar. Oder auch sein bester Kumpel, ihre beste Freundin, seine Schwester, alle möglichen Leute. Daraus ergeben sich viele lustige Begegnungen, und dazwischen entwickelt sich eine romantische Liebesgeschichte. Das war’s in aller Kürze.

Man kennt Sie in Trier hauptsächlich als Schauspieler – wie ist es denn für Sie, mal Regie zu führen?

Das ist eine wundervolle Erfahrung. Ich mache das ja nicht zum ersten Mal, ich habe hier in Trier das Weihnachtsmärchen „Der Lebkuchenmann“ inszeniert und in Tecklenburg für ein großes Sommertheater auch zweimal ein Märchen auf die Bühne gebracht. Für einen Schauspieler ist es eine Erfahrung, die jeder einmal machen sollte. Es ist spannend, den Arbeitsprozess von der anderen Seite zu kennenlernen, die Aufgaben und Probleme, die sich vor der Bühne stellen und nicht auf der Bühne, wo sie uns normalerweise begegnen. Ich finde auch, jeder Regisseur sollte mal auf der Bühne gestanden haben, um die andere Seite zu sehen. Ich bin also sehr froh, dass ich hier die Möglichkeit habe, mich auszuprobieren und auch ein bisschen weiter zu entwickeln.

Hätten Sie lieber selbst mitgespielt?

Am Anfang war nun mal der Auftrag, die Regie zu führen. Aber als wir eingestiegen sind, gerade in die komödiantischen Szenen, da war es schon sehr lustig, da hätte ich mir schon vorstellen können, mitzumachen. Aber jetzt ist die Arbeit so weit vorangeschritten, dass ich gar nicht mehr weiß, ob ich so gut wäre – die Kollegen machen das hervorragend.

Dieses Interview erscheint auch auf www.news352.lu

„Keinohrhasen“ ist einer der erfolgreichsten deutschen Filme überhaupt, nicht zuletzt wegen der Starbesetzung. Wie gehen Sie und Ihr Ensemble damit um, einen absoluten Kassenschlager auf die Bühne zu bringen, also zu wissen, dass das Publikum enormes Vorwissen mitbringt und Ihr Stück mit dem Kinofilm vergleichen wird?

Da hoffe ich mal auf die Neugierde des Publikums – darauf, dass die Leute den Vergleich mit dem Film eben nicht unbedingt ziehen werden. Wenn ich genau drüber nachdenke, finde ich den Vergleich aber sogar gut: Wir spielen einen Film nach, der ein Kassenschlager war und den viele Leute kennen. Wir haben also die Möglichkeit, die Leute zum Vergleichen aufzufordern. Ich würde sonst nie Kino mit dem Theater vergleichen wollen, aber hier bietet es sich an. Ich finde, die Kollegen spielen das sehr, sehr gut, es ist ein ganz anderer Ansatz als im Film, wir haben halt keinen Vogel, keinen Klitschko, keine Catterfeld. Die werden bei uns von Schauspielern dargestellt.

Und wenn man den Film kennt, ist es witzig zu sehen, wie die Schauspieler, die man in Trier ja auch kennt, diese Leute nachspielen. Die behaupten ja nicht „Ich bin das jetzt“, sondern sie behaupten „Ich bin Tim Stöneberg, der den Til Schweiger spielt.“ Es ist also eher ein Argument für das Theater, weil man genau sieht, wie spannend ein dreidimensionaler Abend sein kann, wenn lebende Menschen auf der Bühne stehen und diese Handlung, die man schon kennt, live für einen produzieren. Ich habe mich in den letzten sechs Wochen bei den Proben jedenfalls köstlich amüsiert.

Wie fallen denn Ihre Vergleiche so aus? Wie schlägt sich ein Stöneberg gegen einen Schweiger, eine Wolff gegen eine Tschirner?

Alte Bekannte und neue Gesichter am Theater Trier. Von links: Tim Olrik Stöneberg, der Keinohrhase, Alina Wolff. (Foto: Marco Piechuch / Theater Trier.)

Alte Bekannte und neue Gesichter am Theater Trier. Von links: Tim Olrik Stöneberg, der Keinohrhase, Alina Wolff. (Foto: Marco Piecuch.)

Ich vergleiche die gar nicht – die Zuschauer dürfen das natürlich gerne. Das sind ja zwei verschiedene Personen, Til Schweiger ist in Hollywood, Tim ist in Trier. Und er ist hier ein bekannter Schauspieler, der seine Arbeit wirklich sehr gut macht. Auch Alina ist eine sehr gute, junge Schauspielerin mit komödiantischem Talent. Unsere Schauspieler haben ja auch eine ganz andere Aufgabe, die müssen live zwei Stunden diesen Abend durchstehen. Das ist schon anstrengend, Komödie sowieso, weil es da viel um Timing geht, um Konzentration. Die Qualität ist da also schwer zu vergleichen; Til Schweiger und Nora Tschirner haben ihren Job gut gemacht, Tim und Alina ihren auch.

Mal provokant gefragt: Ist „Keinohrhasen“ einer dieser gemeinen Tricks, unschuldige Jugendliche ins altbackene Theater zu locken?

Ich würde es nicht als Trick bezeichnen – aber grundsätzlich ist es ja so. Vielleicht ist es eher eine Motivation, jüngere Leute ins Theater zu bewegen, ihre vielleicht vorhandene Schwellenangst zu überwinden, im Sinne von „Theater ist langweilig, die Klassiker waren in der Schule schon langweilig, jetzt müssen wir auch noch ins langweilige Theater gehen, wo man noch nicht mal Pommes in der Hand halten kann.“ Wenn wir das überwinden können, wenn die jungen Leute neugierig genug sind, sich den bekannten Plot mit Trierer Schauspielern anzusehen, die man auch hier in der Bäckerei oder in der Kneipe treffen kann – dann soll’s mir sehr recht sein. Aber ein Trick ist es nicht. Natürlich hilft uns die Bekanntheit des Films, aber das ist ja auch berechtigt. Ich finde, dass junge Leute generell mehr ins Theater gehen sollten. Wenn das über solche Stücke wie die „Rocky Horror Show“ oder „Keinohrhasen“ funktioniert, ist das doch gut.

Stichwort Zielgruppe: In den letzten Wochen hat sich die Diskussion um die finanzielle Situation des Theaters Trier etwas beruhigt. Wie ist denn momentan die Stimmung im Haus?

Auch im Haus ist das Ganze ein wenig abgeebbt, weil der Kulturdezernent beruhigende Worte gefunden hat, außerdem hat das Land, ebenfalls beruhigend, nochmal finanzielle Unterstützung ermöglicht. Aber das Thema ist natürlich nicht vom Tisch, im Januar kommt eine externe Firma, die die Effizienz des Theaters untersuchen wird, die auslotet, wo Sparmaßnahmen möglich wären, unter künstlerischen und wirtschaftlichen Aspekten. Das wird natürlich hauptsächlich im Hintergrund geschehen und wir müssen das Ergebnis abwarten.

Vielen Dank für dieses Gespräch und viel Erfolg am Samstag abend!

„Keinohrhasen“ – Premiere
mit Tim Olrik Stöneberg und Alina Wolff
Regie: Michael Ophelders
Theater Trier, Samstag, 7. Januar, 19:30 Uhr.

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Trierer Teamplay nicht genug gegen Ulmer Zwei-Mann-Show

Kein Kraut gewachsen: Dru Joyce kam auch mit hervorragender Leistung nicht gegen Ulm und die Schiedsrichter an. Archivfoto: Thewalt.

Kein Kraut gewachsen: Dru Joyce kam auch mit hervorragender Leistung nicht gegen Ulm und die Schiedsrichter an. Archivfoto: Thewalt.

Die TBB Trier verliert ihr Heimspiel gegen ratiopharm Ulm mit 74:80. Spielentscheidend: die Ulmer Übermacht unter den Körben in Gestalt von Centerhüne John Bryant. Nicht spielentscheidend, aber unschön: die Schiedsrichterleistung in der Schlussphase.

Es würde eine harte Nuss für die TBB Trier werden, das war allen Beteiligten klar: der heutige Gegner ratiopharm Ulm hat einen starken Saisonstart hingelegt (zwei Siege aus drei Spielen) und wirkt insgesamt unter dem neuen Coach Thorsten Leibenath schon recht stabil. Zudem haben die Gäste aus der Münsterstadt einen der effizientesten und gleichzeitig interessantesten Spieler der Beko BBL in ihren Reihen: John Bryant ist 211 cm groß und wiegt gefühlt ebensoviele Kilos, ein Berg von einem Mann, der die Zone dominiert – und zudem auch noch einen sehr gefährlichen Mitteldistanzwurf hat. Viel Arbeit für Maik Zirbes, der in den ersten Spielen der TBB bereits mit sehr ordentlichen Leistungen auf sich aufmerksam machen konnte, sofern Trier in der Lage war das Spiel auch auf ihn auszurichten.

An der Unterstützung durch die Fans sollte es nicht liegen, 3096 waren in die Arena gekommen, um die TBB nach vorne zu pushen. Der Fanblock nutzte kurz vor Spielbeginn noch die Gelegenheit  zu einem deutlichen Statement in Richtung TBB-Management: Ein Transparent auf dem zu lesen stand „Tradition verpflichtet, Grün & weiß ein Leben lang!“ – die Entscheidung, das neue Auswärtstrikot in blau zu gestalten, war nicht nur auf Gegenliebe gestoßen.

Nach dem Tip Off schien sich die sportliche Ausgangssituation zunächst zu bestätigen: Ulm ging über John Bryant und Dane Watts (nach Assist von Bryant) schnell mit 0:4 in Führung, konnte mit einem Dreier vom starken Shooting Guard Isaiah Swann auf 2:7 erhöhen. Trier schien zunächst keine Antwort auf ein gut organisiertes Ulmer Offensivspiel zu haben – das einzige was in dieser Anfangsphase zu fruchten schien war der starke Zug zum Korb von TBB-Point Guard Dru Joyce (Archivfoto: Thewalt.), der gegen seinen Ex-Club offensichtlich zeigen wollte, was er kann.

Das mit Spannung erwartete Duell Maik Zirbes gegen John Bryant ging von Anfang an erwartungsgemäß klar an den Hünen aus Ulm: Der Trierer Youngster zeigte sich zunächst nervös, verlegte einfache Chancen. Dru Joyce tat das einzig richtige, er versuchte trotzdem geduldig Zirbes ins Spiel und den Ball zu ihm ans Brett zu bringen. Dabei sprangen immerhin vier verwandelte Freiwürfe zum 8:13 heraus, trotzdem musste Zirbes schon bald das Feld für seinen jungen Kollegen Andi Seiferth räumen, der allerdings gegen den mächtigen Ulmer Backcourt Watts/Bryant auch wenig Land sah.

Trier kämpft sich trotzdem mit viel Herz und einem starken Dru Joyce in die Partie zurück, Kapitän Dragan Dojcin verwandelt nach Ablauf der Spieluhr im ersten Viertel noch einen Freiwurf zum 19:18 – eine hauchdünne Führung, die dem Spielverlauf Rechnung trug.

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Das zweite Viertel sah eine andere Trierer Mannschaft, und das lag nicht zuletzt an Shooting Guard Oskar Faßler. Er hat schon oft bewiesen, dass er Energie von der Bank bringt, und er lieferte genau diese Energie auch heute wieder: sechs Punkte in Folge von Faßler, dazu noch zwei von John Bynum bedeuten einen 8:0-Lauf der Hausherren – Trier schien die etwas verdutzten Gäste zu überrennen. Erst beim Stand von 29:23 für Trier kann Ulm sich fangen und eine gute Mixtur aus „in and out“ aufziehen. „In“ heißt dabei natürlich: Der übermächtige Bryant vollstreckte am Brett, für „out“ war sein pfeilschneller Kollege Isaiah Swann zuständig. Dass das auch andersrum funktionierte zeigten die beiden beim 31:38, als Bryant vom oberen Ende der Zone perfekt auf Swann ablegte. Zur Halbzeit steht’s 31:40 – für die TBB wäre hier im zweiten Viertel mehr drin gewesen. Henrik Rödl hatte in der Trierer Stärkephase die beiden Youngster Joshiko Saibou und Andi Seiferth lange auf dem Feld gelassen – das hatte sich gerächt, der Vorsprung war weg.

Den Einstieg in die zweite Hälfte fand die TBB wieder über ein ähnliches Rezept wie zu Beginn der Partie: Dru Joyce trägt die Mannschaft offensiv ins dritte Viertel, ein Dreier mit der Hupe zum 34:42 weckt die Halle auf. In der Defensive stimmte jetzt auch die Intensität, dennoch konnte die Ulmer Zwei-Mann-Show Bryant und Swann schalten und walten, wie es ihr in den Sinn kam. Doch Trier steckte nicht auf, suchte jetzt sein Heil vornehmlich von außen, Dragan Dojcin bestätigte seine Tendenz aus den letzten Spielen, ein heißes Händchen von der Dreierlinie zu haben, er traf zwei ganz wichtige Dreier in Folge zum 42:49. Maik Zirbes konnte das erste und einzige Ausrufezeichen setzen, als er ein Alley-Oop-Anspiel krachend verwandelte – 44:51. Auf Trierer Seite spielte das Team der TBB, für Ulm spielten Bryant und Swann. Und dann schlug die Stunde der ehemaligen Ulmer: E.J. Gallup und Dru Joyce trafen zusammen drei Dreier in Folge. Als Dojcin mit der Sirene noch einen dazu packte, die Partie mit 56:54 in die letzte Viertelpause ging, stand die Halle kopf. Doch es musste sehr viel richtig laufen, damit die Hausherren die Früchte ihrer Arbeit würden einfahren können.

Um es vorweg zu nehmen: das passierte nicht. Trier konnte zwar weiterhin an Ulm dran bleiben und traf auch über weite Strecken des letzten Viertels die richtigen Entscheidungen: Nate Linhart kann per Dreier den Vorsprung auf 61:56 ausbauen, doch Ulm kam immer zurück – und hatte dabei Unterstützung von drei Herren in Gelb. Beim Stand von 61:63 musste Henrik Rödl die fällige Auszeit nehmen. Vorangegangen war dem das vierte Foul von Nate Linhart mit anschließendem Technischem Foul, angeblich wegen Meckerns – ein zweifelhafter Pfiff und leider nicht der letzte, den sich das Schiedsrichter-Gespann Neubecker/Hack/Arik bis zum Ende des Spiels leistet. Joyce kann Trier noch einmal zur 68:67-Führung schießen, doch Ulm steht einfach zu gut. Die Situation ist für Trier eng, aber nicht aussichtslos, die Hoffnung bleibt auch erhalten, als Tamer Arik ein technisches Foul gegen die Trierer Bank pfeift: es steht 71:76 nach den fälligen Freiwürfen, noch 27 Sekunden sind auf der Uhr. Trier versucht die Uhr zu stoppen und gleichzeitig schnell zu punkten, aber das ist nicht so einfach – EJ Gallup wird in den letzten Sekunden klar beim Dreier gefoult und bekommt keinen Pfiff, Oskar Faßler bekommt noch ein fragwürdiges Offensivfoul, anstatt an die Freiwurflinie zu dürfen. Insgesamt hatte die Ulmer Defensive im Vergleich zu Trier viel zu wenig abgepfiffen bekommen.

Trier kommt gegen zwei Ulmer und drei Schiedsrichter in der Schlussphase nicht mehr zu Punkten und verliert die Partie schlussendlich mit 74:80 – nach aufopferungsvollem Kampf gegen einen starken Gegner.

TBB: Joyce 28/5 Ass, Dojcin 10, Zirbes 9, Bynum 8, Gallup 6, Faßler 6, Linhart 3, Zwiener 2.
ULM: Bryant 27P / 16Reb (!!), Swann 18, Günther 9, Esterkamp 8, Nankivil 6, Watts 5, Mason-Griffin 5, Betz 2.

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Bittere Klatsche in Entenhausen

"Mund abwischen, weiter machen!" - TBB-Kapitän Dragan Dojcin mit den großen Jungs nach der Klatsche in Quakenbrück. Foto: Heiko Schmitz.

"Mund abwischen, weiter machen!" - TBB-Kapitän Dragan Dojcin mit den großen Jungs nach der Klatsche in Quakenbrück. Foto: Heiko Schmitz.

Das hat nicht sollen sein, war aber auch fast abzusehen: Die TBB Trier hat am Mittwoch abend ihr Auswärtsspiel gegen die Artland Dragons aus Quakenbrück mehr als deutlich mit 88:62 verloren. Im umgekehrten Fall wäre es erst das zweite Mal gewesen, dass eine Trierer Mannschaft Punkte aus der Artland Arena hätte entführen können – das bisher einzige Mal liegt sechs Jahre zurück. Auf Trierer Seite fehlt zudem immer noch Philip Zwiener.

Der Schlüssel zum Erfolg lag für “Entenhausen”, wie Quakenbrück in (gegnerischen) Fankreisen liebevoll genannt wird, in einer extrem konsequenten Pick-and-Roll-Verteidigung gegen Triers Aufbauspieler Dru Joyce (Foto: rechts). Joyce bekam über die gesamte Spielzeit den Ball viel zu selten zu Center Maik Zirbes ans Brett. Durch diese Taktik der Hausherren geriet Trier schon im ersten Viertel ins Hintertreffen. Auch offensiv hatten die Dragons einen hervorragenden Tag erwischt, der nur 1,70 Meter kleine Spielmacher David Holston sorgte entweder selbst für Punkte oder bediente seine (deutlich) größeren Kollegen Darren Fenn und Anthony King. Auch als Kollektiv agierte Quakenbrück schnell und abschlusssicher.

TBB-Coach Henrik Rödl nahm bereits früh in der Partie seine erste Auszeit, da hatte Maik Zirbes beim Stand von 13:5 schon zwei Fouls auf dem Konto, sein Gegenspieler Darren Fenn konnte mit zwei Freiwürfen die Führung zweistellig machen. Die TBB-Offensive blieb auch nach der Standpauke wackelig, produzierte viele Fehlversuche, der spätere Topscorer Dragan Dojcin (19 Punkte) hatte Probleme seinen Wurf zu finden, während die Dragons beständig punkten konnten: 21:10 der Stand zur ersten Viertelpause.

Im zweiten Viertel schien die TBB Trier kurzzeitig zu ihrem Spiel zu finden, kann auf sieben Punkte herankommen (27:20), dennoch dominierten die “Drachen” nach wie vor diese Partie, Holston war im Duell mit Joyce offensiv wie defensiv der klare Gewinner – erst bedient er King zum 36:22, danach trifft er den Dreier zum 39:24: eine starke Vorstellung des kleinsten Spielers der Beko BBL, insgesamt kam er auf 12 Punkte und 5 Assists. Joyce kann zwar noch einmal mit einem weiteren Dreier kontern, zur Halbzeit steht es aber immer noch 45:32.

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Auch nach der Pause fand die TBB kein Mittel, wirkte oft auch etwas unkonzentriert, so wie gleich zu Beginn des dritten Abschnitts, als Adam Hess, berüchtigter Scharfschütze in Diensten der Gastgeber seelenruhig aus der Ecke zum 48:32 einnetzen konnte. Trier hatte als Antworten lediglich ebenfalls Distanzwürfe parat, Maik Zirbes sah am Brett keinen Ball, auch Power Forward Dragan Dojcin musste sich notgedrungen aus der Zone ins “Dreierland” zurückziehen. Im Gegensatz zum eigentlichen Dreierspezialisten der TBB, E.J. Gallup, traf er auch, Gallup wurde zu eng verteidigt – Dragons-Coach Stefan Koch hatte sich und sein Team exzellent auf den Gegner von der Mosel vorbereitet. Trier versucht es mit einer Zonenverteidigung, doch auch hier bleiben die Drachen gefährlich: wieder Hess per Dreier zum 53:40.

Die Partie war beim Stand von 67:45 nach drei Vierteln quasi entschieden, die Artland Dragons siegen ebenso hoch wie hochverdient mit 88:62 – für Trier kein Beinbruch, aber nach einer starken Vorstellung letzten Freitag gegen Bremerhaven doch ernüchternd. Viel Zeit zum nachdenken bleibt indes nicht, denn schon am Samstag geht’s in der heimischen Arena gegen ratiopharm Ulm weiter, einer Mannschaft die sich in beeindruckender Frühform präsentiert.

TBB-Kapitän Dragan Dojcin weiß um die Vorzüge eines engen Spielplans in der momentanen Situation: “Das war heute nicht gut, da ist es sinnvoll, dass es für uns schnell weiter geht. Wir müssen zwar aus dieser Partie lernen, aber wir sollten sie auch schnell abhaken und uns an unserer Leistung im Spiel gegen Bremerhaven orientieren. Heute war unsere Verteidigung schlecht, wir haben die ersten Pässe von Quakenbrück nicht konsequent genug unterbunden, haben ihnen dann beim Rebound zuviele zweite Chancen ermöglicht und waren insgesamt nicht aggressiv genug.”

Assistenztrainer Thomas Päch lobte noch einmal die Arbeit des Gegners: “Respekt vor dieser Leistung an Stefan Koch und die Artland Dragons – sie waren exzellent vorbereitet, haben uns eine unsere wichtigsten Angriffsoptionen, das Pick and Roll, weggenommen. Da wird es dann schwer bis unmöglich.”

TBB: Dojcin 19, Joyce 15, Gallup 8, Zirbes 6, Picard 5, Faßler 4.
ART: Hess 19,  Fenn 13, Peavy 13, Holston 12, King 12.

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Trierer Arena zu heiß für die Eisbären

"Ich habe Ehrfurcht vor steinalten Serben" - Dragan Dojcin markierte an seinem Sahnetag 21 Punkte. Foto: Thewalt.

"Ich habe Ehrfurcht vor steinalten Serben" - Dragan Dojcin markierte an seinem Sahnetag 21 Punkte.

Die Erwartungen an Henrik Rödls Team sind hoch in diesem Jahr: die Liga ist mit den Aufsteigern Würzburg und München stärker geworden – ob Rödls Team es auch ist, sollte sich unter anderem im ersten Heimspiel am Freitag abend zeigen. Und eins war schnell klar: schwächer ist die TBB in jedem Fall nicht geworden.

Die TBB Trier besiegt in ihrem ersten Heimspiel der Beko BBL Saison 2011/12 die überforderten Eisbären Bremerhaven mit 75:56. Erfolgsgaranten waren Kapitän Dragan Dojcin, Center Maik Zirbes und Neuzugang Nate Linhart.

Es war ein furioses erstes Viertel, das der TBB Trier den Weg in die Partie vor 3106 Zuschauern ebnete: Trier spielte, Bremerhaven sah zu, bereits nach drei Minuten stand es 10:0, und Bremerhavens Coach Douglas Spradley nahm die erste Auszeit, um seinem Team deutlich zu erklären, was ihm bislang nicht gefallen hatte.

Als da wären: Triers Neuzugang Nate Linhart hatte mit schnellen Händen in der Defense den Ball geklaut, Dru Joyce sprintet nach vorn, legt auf Zirbes ab, und der stopft das Ding gegen zwei machtlose Eisbären durch die Reuse. Einen Bonusfreiwurf gab’s obendrauf: 3:0. Dann ist es zweimal Dragan Dojcin, der serbische TBB-Kapitän, der sich stark durchsetzt und 5 Punkte in Folge markiert: 8:0. Und schließlich schickt Joyce dann Linhart zum 10:0 – da musste die Sirene der Arena zur Auszeit tröten.

Doch erstmal fruchtete das nicht: Die TBB kann den Vorsprung auf 14:0 ausbauen, der Playoffkandidat aus dem Norden war immer noch völlig von der Rolle. Am Ende des ersten Abschnitts stand es 22:9, Bremerhaven hatte sich diese Punkte an der Freiwurflinie erarbeiten müssen, die Trierer Defensive stand wie eine Wand.

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Zu Beginn des zweiten Viertels vergaben die Hausherren dann offensiv einige weit offene Chancen, gestatteten den Gästen aus Bremerhaven so ein 23:15; die Eisbären hatten sich zwischenzeitlich vor allem im Rebound gesteigert. Oskar Faßler erlöste die Trierer dann mit einem verwandelten Distanzwurf zum 25:15, die TBB erwachte und zog gleich die Zügel wieder an. Auch ohne Dru Joyce, der schon früh mit drei Fouls belastet war, konnte Trier mit einer 37:24 -Führung in die Pause gehen – die Sirene kam allerdings genau rechtzeitig aus Sicht der TBB, die sich kurz vor Viertelende noch einmal einige Schnitzer leistete.

Offensiv noch etwas glücklos, im Aufbau mit der nötigen Übersicht: John Bynum entlastete Dru Joyce kompetent.

Offensiv noch etwas glücklos, im Aufbau mit der nötigen Übersicht: John Bynum entlastete Dru Joyce kompetent.

Es kam wie erwartet: Bremerhaven erwischte den besseren Start in die zweite Hälfte – Doug Spradley dürfte einiges zu meckern gehabt haben. Mit einem 9:0-Lauf verkürzen die Norddeutschen ihren Rückstand auf 37:33. Trier ließ sich von der kleinlichen Linie des schwachen Schiedsrichtergespanns Reiter/Groll/Panther anstecken und wurde nervös, ein Dreier von Bremerhavens ansonsten eher farblosen Jason Cain bedeutet das 39:36 – sollte die Partie nach dem Blitzstart der TBB Trier doch nochmal spannend werden?

Die Antwort ist: Jein. Trier wurde rechtzeitig wach, beendete das Viertel mit 53:44. Vorher hatte Jason Cain noch wegen Meckerns ein technisches Foul bekommen, die TBB konnte nur einen der vier fälligen Freiwürfe verwandeln. Es lief in die richtige Richtung für Henrik Rödls Männer – aber der Deckel war auf diesem Fass noch längst nicht drauf.

Das sollte dauern bis gut vier Minuten vor Schluss, als Dragan Dojcin an seinem Sahnetag (insgesamt 21 Punkte, 5 Rebounds, zwei Assists) zwei Dreier in Folge versenkte – das brach den Bremerhavener Widerstand beim Stand von 69:48. Die Eisbären hatten sich tapfer gewehrt, waren aber über weite Strecken immer noch mit der Trierer Intensität überfordert. Und Trier spielte jetzt groß auf, arbeitete gut im Rebound und verwandelte endlich die daraus entstehenden Möglichkeiten. Das Highlight des Viertels war ein pfeilschnelles coast-to-coast-Dribbling von Oskar Faßler, der drei Gegnern nur noch die Schuhsohlen zeigte und krachend per Dunking zum 61:46 abschloss.

Die TBB verlegte sich nach den beiden Dojcin-Dreiern dennoch nicht aufs Schaulaufen, sondern spielte weiter ihre Systeme zu Ende bis zum hochverdienten 75:56-Endstand.

Trotz schwacher Gäste ein Ergebnis das Mut macht, fehlte doch auf Trierer Seite auch noch Topscorer Philip Zwiener aufgrund eines Bänderanrisses im Sprunggelenk.

 

Die TBB trifft bereits am kommenden Mittwoch auswärts auf die Artland Dragons aus Quakenbrück. TBB-Hallensprecher Chris Schmidt überträgt die Partei live im online-Radio, zu hören unter www.basketball-stream.de.

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Jeder Tritt ein Inuit

Manchmal kommen sie wieder. So wie routinemäßig in jedem Sommerloch in mindestens einem deutschen Baumarkt eine Spinne aus der Yuccapalme krabbelt, so wie es allmählich mal wieder Zeit für einen verrückten Killer mit Haken statt Händen oder für Spermaspuren in Dönersoße wäre, so taucht auch immer mal wieder die völlig wahnwitzige Behauptung auf, dass „die Eskimos“ 90 Wörter für Schnee hätten.

Diesmal also: Das deutsche Handwerk. Deutschland kenne über 130 Begriffe für das Handwerk, ebenso wie der Eskimo an sich 90 Wörter für Schnee habe, so klärt eine Plakatkampagne des zuständigen Handwerker-Dachverbands den handwerklich interessierten Bürger auf. Ich habe das Plakat vor ein paar Tagen in einer Berliner U-Bahn-Station gesehen, mangels Geistesgegenwart und Speicherplatz muss hier aber ein Webfoto reichen. Allerdings hängt es auch in Trier, von einer bundesweiten Kampagne ist also auszugehen.

Googelt man „Eskimo Schnee Handwerk„, kommt man sogar dahinter, wie sich das unkritische Kolportieren längst widerlegter Legenden nennt: Brand Management. Unter diesem Titel wird stolz eine pdf-Datei des Plakatmotivs präsentiert (.pdf), es scheint sich also um eine besonders gelungene Form dieser auf der Site nirgends genauer definierten Tätigkeit zu handeln. („Was sind Sie von Beruf?“ – Brand Manager. Und Sie?“ – „Ich bin bei der Feuerwehr.“)

Nun verstehe ich vergleichsweise wenig von Brand Management, allerdings hätte ich bei der Eskimo-Wortschatz-Sache wirklich gedacht, dass es damit allmählich vorbei ist. Bereits Mitte der Achtziger entlarvte die amerikanische Anthropologin Laura Martin in einem Artikel für American Anthropologist den 90-Worte-Mythos als haltlos, weil die Quelle dazu fehlt. In den frühen Neunzigern fand die Entkräftung der Legende dann ihren Einzug in den linguistischen Literaturkanon, indem Geoffrey K. Pullum den bemerkenswerten Aufsatz „The Great Eskimo Vocabulary Hoax“ (.pdf), basierend auf Martins Erkenntnissen vorlegte. Ebenso treffend wie fundiert nachzulesen ist diese Entwicklung übrigens im Bremer Sprachblog.

Schon Pullums Einleitung rockt:

„Once the public has decided to accept something as an interesting fact, it becomes almost impossible to get the acceptance rescinded. The persistent interestingness and symbolic usefulness overrides any lack of factuality.“

Und bereits in den frühen Nullern wurde das Thema in Linguistikseminaren an einer deutschen Provinzuni, u.a. auf Basis des vorgenannten Aufsatzes für erledigt erklärt – ich war dabei. Und man muss nicht einmal Linguist sein, noch nicht einmal interessierter Laie, um dem Legendenteufel im Falle des Eskimo-Schnee-Unsinns auf die Spur zu kommen: Google verweist, noch vor der Handwerks-Seite, auf den entsprechenden Wikipedia-Artikel, der sogar die Hintergründe schnell und korrekt wiedergibt – 1911 hatte der deutsche Linguist Franz Boas den Mythos nach bestem Wissen und Gewissen in die Welt gesetzt, die so genannte Sapir-Whorf-Hypothese hatte sich 1940 darauf gestützt – und wie man mittlerweile weiß, stimmt das mit den 90 Wörtern einfach nicht. Der Grund dafür, die so genannte Polysynthese, ist etwas linguistisch-speziell, aber recht einfach und schnell erklärt, auch hier liefert Wikipedia schon ein knackiges Zitat von taz-Kolumnistin Kathrin Passig:

„Eskimos haben, wie einfallslose Mitmenschen an dieser Stelle gern in die Konversation einwerfen, unzählige Wörter für Schnee. Vermutlich soll damit auf die abgestumpfte Naturwahrnehmung des Stadtbewohners hingewiesen werden. Ich habe keine Geduld mit den Nachbetern dieser banalen Behauptung. Die Eskimosprachen sind polysynthetisch, was bedeutet, dass selbst selten gebrauchte Wendungen wie ‚Schnee, der auf ein rotes T-Shirt fällt‘ in einem einzigen Wort zusammengefasst werden. Es ist so ermüdend, das immer wieder erklären zu müssen.“

Wer als Werbetexter den Anspruch hat, seinen Claim nicht innerhalb von 30 Sekunden von einem Langzeitstudenten ausgehebelt zu kriegen, hätte hier also durchaus die Möglichkeit der Absicherung gehabt. Denn wenn der Eskimo gar keine 90 Wörter für Schnee HAT, wer sagt mir dann, dass der andere Teil der Gleichung stimmt? Vielleicht hat das Deutsche ja nur 17 Wörter für Handwerk? Werbung lügt gelegentlich, aber doch hoffentlich etwas subtiler…?

In diesem Fall kann man sogar vollkommen von der Tatsache absehen, dass „Eskimo“ nicht unbedingt der schmeichelhafteste Begriff für das Volk ist, das sich selbst „Inuit“ nennt (als Sammelbegriff bezeichnet es auch noch die Yupik). Eskimo bedeutet aller Wahrscheinlichkeit nach „Schneeschuhmacher“ und entstammt der Sprache der Cree , die ihre Feinde im Norden so nannten.

Als Karl Moik seinerzeit im gebührenfinanzierten Deutschen Volks-Fernsehen Patrick Lindner anpöbelte, dieser sei wohl zu lange „bei die Spaghettifresser “ gewesen, als Gloria von Thurn und Taxis vor ein paar Jahren in einer Talkshow behauptete, aus sicherer Quelle zu wissen, dass „der Schwarze“ gerne „schnackselt“ (das Deutsche hat übrigens unglaublich viele Wörter für das, was nicht nur der Schwarze gerne tut), war allseits die Freude groß. Wer hat nun also 130 Wörter fürs Handwerk – der Deutsche oder der Kartoffelkopf, der Boche, Harry the Hun, oder gar der Fritz?

All das wirft in mir viele Fragen auf, unter anderem: wieviele deutsche Wörter gibt es denn jetzt wirklich fürs Ficken? Aber ich setze manchmal Prioritäten. Also: Welche Qualitäten und Qualifikationen muss ein erfolgreicher Brand Manager eigentlich mitbringen? Linguistische Fachliteratur kennen und auf dem neusten Forschungsstand sein? Sicher zu viel verlangt. Immer politisch korrekt sein? Kaum. Gute Texte provozieren nun mal, und das ist, um es mit der Berliner Schwuchtel Klaus Wowereit zu sagen, auch gut so.

Aber mal die drei Kernwörter der eigenen Superkampagne durch google jagen? Sischer dat. Dann wäre uns übrigens vielleicht auch vor ein paar Jahren die unselige „Du bist Deutschland“-Kampagne erspart geblieben. Oder vielleicht gerade nicht…

In der Zwischenzeit sage ich: Das „Deutsche“ kennt unglaublich viele Wörter für „Bullshit“. Eins davon ist „Brand Management“.

***

Sometimes they return, zombie style. Just as there are spiders crawling out of Yucca trees every summer in some German hardware store, just as it’s about time for a mad killer with hooks for hands to re-enter the scene, please say „Hello again“ to the ludicrous claim that „the Eskimos“ have 90 different words for snow.

Guilty this time: The German Crafts. The German language knows 130 words for the crafts, just as there are 90 words for snow in Eskimo-ese. That’s the essence of a poster campaign by the Federal Association of the German Crafts. I’ve seen the poster in a Berlin subway station the other day, but for lack of memory on my phone a web-foto will have to do.

If you google „Eskimo Schnee Handwerk“, you even learn the correct term for uncritically cut-and-pasting out-of-date theories: Brand Management. The poster is yours to download (.pdf) under this header, proudly presented by some fancy, and probably expensive, ad agency. It seems fair to think, then, that the poster is perceived as a very successful case of „Brand Management“, whatever that may be exactly.

Now, Brand Management is not my line of business, but I had really thought the Eskimo-Vocabulary-Nonsense was a thing of the past. In the mid-eighties, anthropologist Laura Martin traced back the myth in an article for American Anthropologist. In the early nineties, that’s 20 years ago, linguist Geoffrey K. Pullum destroyed the legend for good with his remarkable article aptly named „The Great Eskimo Vocabulary Hoax“ (.pdf), in which he backed up Martin and also took a humorous look at people who are ever so uncritically telling and retelling the fable of the 90 words.

„Once the public has decided to accept something as an interesting fact, it becomes almost impossible to get the acceptance rescinded. The persistent interestingness and symbolic usefulness overrides any lack of factuality.“

And in the early zeros, the topic was officially declared done with in linguistics classes at a university in the backwoods of Germany – I was there, so I know. Now, you don’t have to have an MA in Linguistics (as some of us do), you don’t even have to be overly interested in linguistics (as some of us are), to find the red herring in just a few seconds: Google gives you the respective article on Wikipedia, and, as it sometimes happens, the background information on the topic is correct here. German linguist Franz Boas had driven forward the Eskimo-myth in 1911 – he erred, but that is human. By now, we know for a fact that the 90 words aren’t really 90 words. The specific reason for that is a bit linguistechnical, but the principle, called polysynthesis, is quite easy to grasp. And Wikpedia also has a great quote by German author Kathrin Passig to explain the fact.

Now, any copy writer (or „Brand Manager“) who does not want his campaign to be shattered within seconds would have had the chance to double check easily. Because, you see, if the Eskimo doesn’t really have 90 words for snow, who tells me that the other half of the equation is correct? Maybe there are only 17 words for „the crafts“ in German. I haven’t counted them – but I trust that advertising people lie a little more subtly, if at all.

All this, by the way, has nothing to do with the fact that Eskimo isn’t the most endearing term for the people who call themselves Inuit. Eskimo means (most probably) „snow shoe netter“ and hails from the language of the Cree, who used the term to refer to their enemies up North.

When Karl Moik asked Patrick Lindner on German public TV why he had been „with them Spaghettis for so long“, when Gloria von Thurn und Taxis claimed on a talk show that it was common knowledge that „blacks liked to fuck“, everybody screamed, and not exactly with joy. (By the way, she used the rather quaint Bavarian verb „schnackseln“ – apparently, the German language has a copious amount of words for this activity that not only black people like to indulge in every once in a while). So, who has 130 words for the crafts – the Germans? Or the Potatoheads, the Boches, Harry the Hun or maybe the Fritz?

All this raises a lot of questions in my little head – „how many German words are there for the act of fucking?“ is just one of them. But sometimes, I like my priorities, so here goes the important one: Which are the qualities and qualifications the successful Brand Manager will possess? Will they have to be on the ball in current linguistics, know the literature and all discussions going on? I don’t think so, that’s a bit much. Will they be politically correct at all times? No. Good texts must be written in a provocative way, and that, to quote Berlin’s faggot mayor Klaus Wowereit, is a good thing. But: Will they be able to ask google a simple question, consisting of the two keywords of their campaign, before plastering walls in the whole country with a factual mistake? You betcha.

In the meantime, I say: German language has incredibly many words for „bullshit“. One of them being „Brand Management“.

This blog post is dedicated to Professsors Michael Stubbs and Chris Trott, one knowing a lot about language, the other about the North. Great teachers, both of them.

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